Atheismus und Weihnachten

Ich bin aus tiefster Überzeugung Atheistin und ich feiere Weihnachten – ebenfalls aus tiefster Überzeugung. Zu dieser Erkenntnis kam ich vor wenigen Tagen in der U-Bahn auf dem Weg zu einem Weihnachtsmarkt.

Für die einen mag das nach einem unlösbaren Paradox klingen, die anderen könnten nicken und irgendwas von „Weihnachten ist ja inzwischen eher das Feste der Liebe!“ erzählen. Ich bin mit beiden Aussagen nicht ganz zufrieden, denn sie können meiner Meinung nach nicht beide nicht erklären, warum ausgerechnet und auch ausschließlich an Weihnachten die Kirchenbänke voll sind und hunderte Menschen andächtig die angebliche Geburt eines Kindes feiern, welches ihnen im restlichen Jahr herzlich egal ist. Ganz zu schweigen von denen, die zwar nicht zur Kirche gehen aber zuhause dennoch ihr Weihnachten mit leckerem Essen, Tannenbaum und Geschenken zelebrieren. Ich weiß aus Erzählungen von Bekannten und Freunden, dass sich inzwischen sogar viele Muslime in Deutschland dem Fest nicht mehr erwehren können und Weinachten feiern. Das vermeintliche Paradox aus christlichem Fest und Nicht-, bzw. Andersgläubigkeit scheint somit nur in den Köpfen tiefreligiöser Personen zu bestehen – wenn überhaupt.

Weihnachten gehörte für mich, wie für viele Menschen hier im Land, immer dazu. Es war schon immer mein liebstes Fest im Jahr, auf welches ich teilweise schon Monate vorher hinfieberte. Ob ich jemals außerhalb der Krippenszene und den jählichen Pflichtkirchenbesuchen aus christlicher Überzeugung feierte, wage ich einmal zu bezweifeln. Vor einigen Jahren setzte ich mich ausführlicher mit meinem eigenen Glaube auseinander und merkte für mich selbst, dass ich einen solchen garnicht besitzte – zumindest nicht, wenn dieser sich auf ein (oder mehrere) übergeordente Wesenheiten beziehen soll, welche das Schicksal der Welt lenkt/lenken, oder diese geschaffen haben, oder sonst was. Weihnachten habe ich dennoch so gefeiert, als sei nichts geschehen. Als Begründung hierfür reichte mir die Idee von Weihnachten als „dem Fest der Liebe und der Familie“, dafür braucht es schließlich keinen christlichen Hintergrund. Das funktioniert auf den ersten Blick ziemlich gut. Spätestens seit CocaCola den Weihnachtsmann erfunden hat, braucht es schließlich auch kein Christkind mehr, damit die Geschenke unterm Baum landen. Weihnachten – das Fest an dem alle zusammenkommen und sich sogar die verhassten Geschwister zusammenreißen. Weihnachten – das Fest an dem so viele Spenden für soziale Projekte zusammenkommen, wie sonst nie im Jahr. Weihnachten – das Fest an dem die demente Oma im Altenheim besucht wird. Weihnachten – das Fest an die die Kinderaugen strahlen, wegen der vielen Kerzen und dem Essen, der Dekoration und vielleicht auch wegen der Geschenke. Sogar die Werbung versucht uns seit einigen Jahren mit ihren überlangen „Weihnachtskurzfilmen“ zu suggerieren, dass es zu dieser Zeit um so viel mehr geht. Dort heißt es „Weihnachten braucht nicht viel – nur Liebe!“ (Quelle), oder der totgeglaubte Opa, bringt seine Familie unter dem Slogan „Heimkommen“ endlich wieder zusammen (Quelle). Wie rührend… oder auch nicht. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollten wir uns nämlich fragen, was Supermärkte davon haben, uns angeblich nicht-konsumorientierte Werbung zu präsentieren. Selbstverständlich gehts doch um Konsum. Das Marketing dieser Firmen hat nur einfach verstanden, dass Menschen lieber für Weihnachten einkaufen, wenn sie das Gefühl haben es nicht aus materiellen Gründen zu tun, sondern um anderen eine Freude zu machen. Weihnachten als Fest der Liebe ist so gesehen eine immer besser inszenierte Strategie dieses Fest einem immer größeren Publikum an ungläubigen Menschen näherzubringen. Nimmt mensch dem Weihnachtsfest sämtlichen Konsum (die Geschenke, den Weihnachtsbaum, die Lichter, das Essen, etc.), dann bleibt ein mehr oder weniger gemütlicher Abend mit der Familie übrig. Solche Abende sind schön grundsätzlich gibt es davon zu wenige, aber mit Weihnachten hat das dann nichts mehr zu tun.

Wenn ich weder aus christlichen, noch aus (hauptsächlich) kapitalistischen Gründen Weihnachten feiern möchte, was bleibt dann übrig? Für mich: eine Stimmung. Weihnachten fühlt sich groß und wichtig an. Mensch scheint plötzlich Teil von etwas ganz besonderen zu sein. Ich erinnere mich noch genau an diese Vorfreude und das Kribbeln im Bauch und wenn ich daran denke, dann sehe ich mich im Gang unserer Dorfkiche stehen. Hier ist es eiskalt und die Luft richt nach Wald, denn vorne im Altarraum stehen zwei riesige Tannen, geschmückt mit Strohsternen. Draußen ist es schon dunkel, aber hier drin brennen Lichter und viele viele Kerzen. Das ganze Dorf ist anwesend, der Kindergarten veranstaltet das jährliche Krippenspiel, der Chor singt, die Musiklehrerin hat mit ihren Schüler*innen Lieder vorbereitet und alle Menschen in diesem riesigen Raum stimmten plötzlich ein. Im Gegensatz zum restlichen Jahr, kennen heute alle die Texte auswendig und es hallt von allen Wänden. Wenn die Kirche dann aus ist und sich alle noch ein „Fröhliches Weihnachten“ gewünscht haben, dann ist diese Stimmung da und sie bleibt – zumindest ein paar Tage. So war das bei uns früher.

Seit einigen Jahren gehe ich an Weihnachten nicht mehr zur Kirche. Es kam mir heuchlerisch vor, schließlich bin ich nicht gläubig. Weihnachten habe ich dennoch weiter gefeiert wie zuvor. Das geht, aber mir fehlt irgendwie etwas. Das wurde mir erst vor ein paar Tagen so richtig bewusst und nein, es ist nicht der Glaube an Gott oder die Geburt seines Sohnes an sich, sondern eben dieses Große und Wichtige – dieses Gefühl. In meiner Vorstellung müsste es also einen Ort geben – ein Gebäude so imposant wie eine Kirche – an dem jedes Jahr zu einem bestimmten Anlass Menschen zusammenkommen, um miteinander zu feiern. In dem Instrumente gespielt und Lieder gesungen werden und zwar ohne christliche Texte – Musik die unser Leben besingt und nicht irgendeinen Gott. Ich bin der festen Überzeugung, dass Menschen Rituale und Feste benötigen. Sie geben Halt, Kontinuität und ermöglichen Vorfreude. Das alles möchte ich unserer Hummel deshalb nicht vorenthalten. Deshalb wünsche ich mir ein solches „atheistisches“ Weihnachtsfest, denn Weihnachten sollte eben auch ohne Gott mehr sein, als ein Fest des Konsums. Noch habe ich jedoch keine Lösung gefunden, diesen Wunsch für mich umzusetzen. Vermutlich werde ich diese Jahr doch einen Gottesdienst besuchen – wohlwissend, dass ich damit eine Institution unterstütze die ich zutiefst zweifelhaft finde. Als Dauerlösung kommt dieser Weg für mich jedoch nicht in Frage, vor allem, weil eine Zeit kommen wird, da ich diese Entscheidung nicht mehr nur für mich, sondern auch für die Hummel treffen muss…

In diesem Sinne wünsche ich euch ein wunderschönes Weihnachten, mit genau den Gefühlen, die dazu gehören! Ich selbst bin schon ganz hibbelig und freue mich auf unser erstes Fest zu Dritt. Die Vorbereitungen laufen!

Bis bald 🙂

 

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2 Kommentare zu „Atheismus und Weihnachten

  1. Ich kann deine Gefühle sehr gut verstehen! Mir geht es ein bißchen ähnlich. Zwar würde ich mich nicht als Atheistin bezeichnen, dennoch bin ich auch keine klassische gläubige Christin. Ich hatte das große Glück, in einer sehr liberalen katholischen Gemeinde mit liberalen katholischen Eltern aufzuwachsen (wenn ich da Gruselgeschichten aus z. B. Bayern höre, bin ich da nur wirklich sehr dankbar!). Da ging es zwar natürlich um die biblische Geschichte, dennoch haben mich meine Eltern und Religionslehrer und, zu einem gewissen Teil, sogar die Priester, nicht zu blindem Gottesgehorsam erzogen, sondern (teilweise) zu kritischem Denken, oder zumindest zu einer gewissen Offenheit und Toleranz. Somit waren die kirchlichen Rituale für mich eher ein „Beisammensein“, wie du es beschreibst, als ein ausgeübter Glaube an ein Buch. Ich vermisse die Atmosphäre. Allerdings würde es für mich keinen Sinn machen, hier in eine mir fremde Kirche zu gehen. Das wäre nicht das gleiche. Ich würde die Menschen und Priester nicht kennen. Es müßte dann schon meine Heimatkirche sein (auch wenn ich inzwischen dort auch nicht mehr alle Gemeindemitglieder kenne, weil ich seit fast 20 Jahren nicht mehr dort wohne). Einmal, als ich noch recht frisch ausgezogen war, besuchte ich zu Ostern einen Gottesdienst in einem anderen Bundesland. Das war ein regelrecht traumatisches Erlebnis, weil der Bischof eine Predigt hielt, mit der ich mich überhaupt nicht identifizieren konnte. Seither habe ich keinen regulären Gottesdienst mehr besucht (vor drei Jahren aber mal einen kurzen Taufgottesdienst). Vielleicht findet ihr mit dem Hummelchen eine Gemeinde, die freundlich und aufgeschlossen ist? Ich drücke die Daumen!

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