Ein Menschen(s)kinder-Kleid

Menschen(s)kinder – das ist die Linkparty in welcher mensch jeden Monat selbstgemachte, geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder vorstellen darf. Ein Kleid passt da eigentlich nicht so gut hin, wie auch die Initiatorin der Linkparty hier erklärt. Es gibt aber Ausnahmen und dieses Kleid ist (meiner Meinung nach) genau so eine.

Das Kleid ist entstanden für die sechs Jahre alte Tochter* meiner Chefin, und das kam so:

Meine Chefin und mich verbindet neben unseren Job nicht nur eine ähnliche politische Einstellung (die gehört zum Job fast dazu), sondern auch der gemeinsame Kampf gegen jegliche Form von -ismen im Land. Eines Tages erzählte sie mir, dass ihre Tochter* inzwischen sehr deutliche Geschlechtszuschreibungen macht und dadurch auch an eigene Grenzen der Identifikation stößt. In diesem Zusammenhang sagte diese vor Kurzem zu ihrer Mutter: ‚Ich kann entweder hübsch sein, wenn ich ein Kleid trage, oder cool, wenn ich Ninjago-Klamotten anhabe!‘

Ninjago ist diese Lego-Fernseherserie an der gefühlt kein Elternteil eines 3-12-jährigen Kindes vorbei kommt. Merchandise dieser Serie wird vermutlich fast genauso krass vermarktet wie das der Eiskönigin von Disney. Das Problem: Was die Eiskönigin für Mädchen* ist, ist Ninjago eben für Jungs*, oder anders gesagt: Es gibt keine Ninjago-Mädchen*klamotten. Die Tochter* meiner Chefin trägt also ‚Jungs*kleidung‘ und in der derzeitigen Geschlechterhirarchie wertet sie das auf. Sie ist cool. Gleichzeitig fühlt sie sich jedoch als Mädchen* und musste ihr Geschlecht aufgrund der ‚untypischen‘ Kleidung schon oft vor Fremden berichtigen. Das stört sie. Sie mag Tellerröcke sehr gerne, weil die so toll fliegen wenn sie sich dreht und wenn sie einen solchen trägt, fühlt sie sich hübsch. Auch das ist ein klassisches Geschlechterding, den Mädchen* und Frauen* werden im Gegensatz zu Jungen* und Männern* selten über ihre Eigenschaften (z.B.: „Coolness“) definiert, sondern eben über ihr Aussehen.

Das Dilemma von Eltern ist an dieser Stelle eigentlich schon perfekt, denn die von der Tochter* bevorzugte Kleidung (cool und hübsch) gibt es auf dem Markt nicht. Mehr noch – coole Mädchen* sind hier noch nicht einmal vorgesehen, was bei besagter Ninjago-Serie beispielsweise dadurch deutlich wird, dass es nur einen einzigen weiblichen Ninja gibt. Nya (so ihr Name) scheint dabei in der Serie hauptsächlich als Liebesobjekt für die anderen männlichen Ninjas herhalten zu müssen. Zumindest wird in der Zusammenfassung zu ihrem Charakter zu großen Teilen von ihren Beziehungen berichtet. Im Merchandise zur Serie taucht Nya kaum auf. Klar, da besinnt der Markt sich wieder auf ihre Hauptkonsumenten*, die Jungs.

Bei der Tochter* meiner Chefin kommt zu diesem Geschlechterding jedoch noch erschwerend hinzu, dass sie schwarz ist. Spätestens hier ist es vorbei mit den Identifikationsmöglichkeiten, oder kennt irgendjemand von euch eine Kinderserie mit einer schwarzen Frau* in einer aktiven Rolle?

Meine Chefin erzählte mir kurz vor Weihnachten eher nebenbei von diesem Problem. Mir ließ es aber keine Ruhe und so bot ich ihr schon am nächsten Tag an ein Ninjago-Kleid für ihre Tochter* zu Nähen – mit Tellerrock und der weiblichen Ninja Nya. Meine Chefin war sofort begeistert von der Idee und so suchte ich noch auf der Arbeit nach passenden Ninjago-Stoffen. Die Auswahl ist hier nicht besonders groß und die wenigen die es gibt sind fast alle im Grau/Blau-Spektrum angesiedelt. Auf Ebay entdeckte ich irgendwann einen einzigen richtig bunten Stoff mit bunten Legosteinen als Hintergrund. Leider gibt es diesen wohl nicht mehr zu kaufen, weshalb ich ihn hier nicht mehr verlinken kann. Anschließend suchte ich noch nach einem geeineten Kinderkleidschnittmuster. Hier wählte ich das Kleid „Emily“ von Pattydoo in der Größe 128, weil mir die Tulpenärmel-Variante sehr gut gefiel.

Der aufwendigste Teil des gesamten Kleides war allerdings die Applikation von Nya. Ich hatte mir aus dem Internet ein paar Bilder der Ninja ausgedruckt und sie anschließend mit untershiedlichen Stoffen zusammengestückelt. Das ermöglichte mir die Hautfarbe von Nya abzuändern – aus gelb wurde schwarz. Meine Chefin merkte außerdem an, dass die langen Wimpern von Nya für ihre Tochter* sehr wichtig seien, deshalb stickte ich diese mit schwarzer Wolle auf. Was es im Fernsehen nicht gibt, wird somit von mir gemacht: eine weibliche, schwarze Ninja:

Das Schnittmuster ist eigentlich auf nicht dehnbare Stoffe ausgelegt. Der Ninjago-Stoff ist aber ein Jersey und da ich keinen Stoffmix wollte, entschied ich mich dazu auch das Oberteil aus Jersey und dafür eine Nummer kleiner zu nähen. Statt Paspeln nutzte ich Bündchen zum Einfassen von Arm- und Halsausschnitt. Die Stoffe sind übrigens von Stoffonkel und Lillestoff. Nya wurde aus Stoffen aus meiner Restekiste zusammengestückelt.Zur Stabilisierung der Knopfleiste nähte ich einen Beleg:

Für den Tellerrock nutzte ich kein Schnittmuster. Ich habe bereits zwei oder drei Volltellerröcke genäht, aber die benötigte Stoffmenge unterschätze ich jedes Mal. Ich hate zwei Meter des Ninjago-Jerseys gekauft und diese reichten nur ganz knapp und mit viel Stückelei für ein Kinderkleid in 128. Beim fertigen Kleidungsstück sieht das dank der vielen Falten zum Glück kein Mensch mehr.

Leider habe ich vergessen das fertige Kleid zu fotografieren, weshalb hier das Bild vom Weihnachtsabend hinhalten muss. Ich habe meine Chefin seitdem leider nicht wieder gesehen, weshalb ich schon sehr gespannt auf Montag bin. Da erfahre ich hoffentlich, ob das Christkind mit dem Kleid das Richtige brachte.

Im Großen und Ganzen bin ich auf jeden Fall sehr zufrieden mit meinem Werk und ich freue mich darüber, dass ich auf so pragmatische Art und Weise einen Beitrag zur Ge- schlechtergerechtigkeit leisten konnte.

 

Schnittmuster: Kinderkleid Emily von Pattydoo für das Oberteil, Tellerrock nach eigenem Schnittmuster
Stoffe: Marineblauer Jersey von Stoffonkel, Dunkelgrüner Jersey von Lillestoff, Ninjago-Stoff von Ebay (nicht mehr auffindbar)
Verlinkt in: Menschen(s)Kinder, Kiddikram
Es handelt sich bei obigen Blogbeitrag um einen redaktionellen Text. Ich stehe mit den genannten Firmen in keinerlei kommerzieller Verbindung; die Nennung der Namen/Marken erfolgt lediglich zur Information meiner Leserinnen, da ich dies selbst als wertvoll für den kreativen Prozess empfinde.

Werbeanzeigen

10 Kommentare zu „Ein Menschen(s)kinder-Kleid

  1. Für mich ist es befremdlich, dass Text so lang ist. Ein riesiges Problem wird da erklärt, scheint mir. Warum bekommt das Kind nicht einfach das Kleidungsstück, das gewünscht wird? In meinen Augen wird dadurch das Geschlechterproblem, das es ohne Zweifel gibt, erst betont. So als wäre es weltbewegend, das ein Mädchen ein Ninja- Kleid bekommt. Warum denn nicht? Warum ist das so besonders, dass 3 Seiten Erklärung gebraucht werden? Selbstverständlichkeit sieht anders aus, oder?

    Das Kleid übrigens find ich sehr gelungen! Sehr aufwändig! Wunderschön!

    Aber warum so betont werden muss, dass es toll ist, dass ein schwarzes Mädchen ein solches Kleid bekommt, erschließt sich mir nicht. Die Hautfarbe spielt doch da nun wirklich keine Rolle!

    Viele Grüße
    Wica

    Gefällt mir

    1. Hallo erstmal, ich habe Ihren Kommentar freigeschaltet, obwohl er mich tierisch ankekst. Eigentlich habe ich gar keine Lust zu antworten, ich werde es aber dennoch tun, um dieses Thema ein für alle mal auf meinem Blog klarzustellen.
      Ich merke Ihren Worten genau an, dass Sie sich noch nie mit Identifikation und Diskriminierungen auseinandergesetzt haben, so wie der Großteil unser priveligierten weißen Hetero-Gesellschaft, die noch nie wirkliche Benachteiligung aufgrund unveränderbarer Tatsachen erlebt hat.
      Sie schreiben durch meinen Text würde ich Geschlecht und Hautfarbe der Tochter meiner Chefin erst in den Vordergrund rücken und so aus etwas ‚Normalem‘ etwas ‚Besonderes‘ machen. Vermutlich in der Annahme dies würde Diskriminierung eher fördern als abbauen. Dieses Argument ist so alt wie der Kampf gegen -ismen jeder Form selbst und es ist schlicht und ergreifend falsch. Wäre es richtig so müsste sich ja die Situation von Frauen*, Homosexuellen, Schwarzen, etc. einfach durch nichts tun verbessern. Das tut sie aber nicht. Zugegeben wir leben in einer Zeit in der offene Diskriminierung zunehmend weniger, ja sogar von einem Großteil der Menschen verurteilt wird. Schwarze müssen in Bussen nicht mehr getrennt sitzen, Schwule kommen nicht mehr ins Gefängnis und Frauen dürfen selbst entscheiden ob sie arbeiten wollen oder nicht. Was bleibt ist aber des Alltagssexismus, der Alltsgsrassismus, die Alltagshomophobie. Jeder und jede von uns diskriminiert tagtäglich und meist sind wir uns nicht darüber bewusst, zumindest glaube ich nicht, dass die Macher*innen sich beim Bearbeiten der neuen Folge Ninjago mit den Worten: ‚Yes, wieder eine Folge mit nur einer Frau und keiner schwarzen Person!‘ zuprosten. Nein, die Macher*innen produzieren eine Serie aus ihrer weißen, heteronormen und geschlechtsstereotypen Welt und vergessen dabei genau solche Kinder wie die Tochter meiner Chefin. Besagtes Mädchen ist fünf Jahre alt und merkt sehr genau, dass ihre Hautfarbe kaum repräsentiert wird. Das schließt aus. Sie fühlt sich nicht als Teil der Gesellschaft und das zurecht. Dieses Kleid ermöglicht in gewissem Maße eben die Identifikation die ihr die Medien verwehren. Etwas im Mainstream zu etablieren ist ein langer Weg und er bedeutet Kampf und Durchhaltevermögen. Vielleicht ist es dann irgendwann nicht mehr nötig auf eine Hautfarbe, ein Geschlecht oder eine Sexualität gesondert hinzuweisen. Im Moment ist aber dieser Hinweis die einzige Möglichkeit diskriminierte Personengruppen überhaupt sichtbar zu machen und wenn ich das durch eine drei Seiten lange Erklärung zu einem Kleid aus MEINEM Blog kann, dann werde ich das tun.
      Mehr werde ich dazu nicht mehr sagen. Weitere Kommentare in diese Richtung werde ich außerdem löschen. Das mag Zensur sein, das juckt mich aber nicht. Mein Blog ist mein SaferSpace und ich möchte sowohl meine Lesenden als auch mich vor genau solchen Kommentaren schützen. Wir müssen uns in der Realität viel zu oft genau damit herumschlagen.
      Ende.

      Gefällt 2 Personen

  2. Ja, auch an ihrer Antwort sehe ich, dass sie leider nicht in der Lage zu sein scheinen meinen Text zu erfassen. Würden sie genau lesen, dann wäre ihnen klar, dass ich die Problematik, die sie nun wieder in epischer Breite für erklärenswert halten, nachvollziehen kann und im Grundsatz einer Meinung mit Ihnen bin. Übrigens nicht erst seit ihrem Ninja-kleid. Meine Frage richtete sich auf die Art und Weise. Ich habe meinen Eindruck geschildert.

    Ich bin mir nicht sicher ob wir jemals die von Ihnen gewünschte Toleranz in der Gesellschaft erreichen können, wenn Sie bereits im Kleinen diese Toleranz vermissen lassen. In meinen Augen ist es schwierig, wenn sie den selbstverständlich nötigen Respekt gegenüber Andersgeschlechtlichen, Andersfarbigen, Menschen mit Einschränkungen usw. Fordern, aber mir, die ich mir das gleiche wünsche wie Sie mit solch einer Drohgebärde begegnen, nur weil ich ihren Weg anders beurteile als Sie.

    Ich glaube nicht, dass sie auf diese Weise irgendetwas erreichen.
    Polarisierung vielleicht. Das ist MEIN Ziel nicht. Ich wünsche mir das Menschen gleichwertig zusammen leben und das Geschlecht und Hautfarbe, Charakter und Begabung nicht beurteilt werden.

    Selbstverständlich steht es Ihnen frei, mich zu löschen. Ich persönlich halte das für ungut. Denn so hat man früher Unangenehmes „gelöst“. Im dritten Reich z.B..
    Ich war der Meinung heute sind wir einen Schritt weiter. Es ist ihr Blog und ihre Entscheidung wie sie damit umgehen.

    Ich wünsche Ihnen trotz allem viele gute Erfahrungen.
    Wica

    Gefällt mir

    1. Gut, dann lasse ich mich noch einmal auf die Diskussion mit Ihnen ein und stelle eine einzige Frage: Wie gedenken Sie die von Ihnen geforderte offene Gesellschaft zu erreichen?
      Sie haben nun ein zweites Mal geschrieben, ich würde dem Thema zu viel Platz einräumen und es in ‚epischer Breite‘ bearbeiten. Ja, das tue ich und zwar sogar in meiner Dissertation die ich derzeit schreibe. Sie finden das übertrieben, mehr noch: Sie schreiben ich würde Nazi-Methoden nutzen, um zu polarisieren und hätte Ihnen durch meinen Text gezeigt, dass ich keinen Respekt gegenüber anders denkenden hätte. Richtig müsste es allerdings heißen, dass ich rassistische, sexistische, homophobe, etc. Meinungen nicht respektiere und das ist so, ja. Ich muss mich nicht mit Menschen abgegeben die mir nicht gut tun, auch nicht auf meinem Blog. Gesamtgesellschaftlich gesehen mag das anders sein, aber Sie würden doch auch nicht jede Person die es verlangt in Ihre Wohnung lassen und dessen Meinung die ganz und gar nicht Ihre ist geduldig anhören. Mein Blog = mein SaferSpace.
      Fakt ist ganz einfach, dass Alltagsdiskriminierung ausschließlich durch stoisches darauf Hinweisen deutlich wird. Ja, es wäre schön, wenn das nicht nötig wäre und jede und jeder von uns automatisch inklusiv denken würde und Menschen nicht aufgrund dieser Faktoren beurteilt werden würden. Glauben Sie wir leben in einer solchen Gesellschaft bzw. sind auf einem sehr guten Weg diese zu erreichen?
      Alleine Ihre Wortwahl zeigt mir schon, dass auch Sie (obwohl Sie selbst von sich behaupten offen zu denken) in einer heteronormen und weißen Matrix verhaftet sind, oder? Wäre dem nicht so, würden Sie nicht von Andersfarbigen sprechen und damit alle ‚Nicht-weißen‘ meinen. Wissen Sie, ich beforsche unterschiedliche Felder der Diskriminierung bereits seit vielen Jahren und all das was ich hier schreibe sind die allgemein anerkannten Erkenntnisse zum Thema. Ich bin es gewohnt, dass viele dieses Wissen nicht anerkennen wollen und der Meinung sind es selbst besser zu können… Aber würden Sie auch einer KFZ-Mechanikerin in Ihre Arbeit pfuschen, weil sie anderer Meinung über die korrekte Verkabelung des Motors sind? Wir können gerne weiter diskutieren, wenn sie sich differenziert mit dem Phänomen der Alltagsdiskriminierung und dem aktuellen Stand der Forschung zu Sexismus, Rassismus und Homophobie, etc. auseinander gesetzt haben.

      Gefällt 2 Personen

  3. Representation matters!!!

    Und ich finde, ein Kleid hat jede Berechtigung, unter geschlechtsneutraler Bekleidung berücksichtigt zu werden. Es ist ein Problem, dass wir bei „geschlechtsneutral“ ganz oft an eher schlichte, männlich konnotierte Kleidung denken, die von schlanken, kurvenlosen Menschen getragen wird. Das produziert auf viele verschiedene Arten Ausschlüsse und ich finde es wichtig, das aufzubrechen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s