Das Bobo-Conni-Paradox

Unser Hummelchen liebt >Bobo den Siebenschläfer< und >Meine Freundin Conni<. Jeden Abend darf sie vor dem Einschlafen etwa 20 Minuten fernsehen und so gut wie immer soll es eine der beiden Serien sein. Kein Wunder, sprechen diese doch genau die Lebenswelt von Kleinkindern an mit ihren Geschichten rund um Alltägliches. Für uns als Elternteile ist diese Vernarrtheit allerdings schwer auszuhalten.

Beide Sendungen glänzen mit einer absolut stereotypen Darstellung heteronormativer Kleinfamilie. Während Bobos Mama augenscheinlich keiner Lohnarbeit neben der Care-Arbeit nachgeht, wird zwar bei Conni regelmäßig erwähnt, dass deren Mutter Ärztin* sei. In der Serie selbst ist es jedoch der Vater* von dem kind immer wieder erfährt, dass er gerade von der Lohnarbeit nachhause kommt. Hauptbezugsperson für Connyi ist eindeutig ihre Mutter*. Von Bobos Vater erfährt kind wenig, aber auch dieser* ist bei Alltagsthemen wie Haushalt machen, zum Kinderarzt* gehen (eine männliche* Rolle in der Serie), etc. nicht greifbar. Dieses Rollenbild setzt sich übrigens auch in der Großelterngeneration weiter. In beiden Serien taucht jeweils ein Großelternpaar auf. Auch diese sind heterosexuell in einer Ehe lebend. Die Oma* wird in beiden Serien als zusätzliche Betreuungsperson der Kinder eingeführt. Bobo verbringt einen Nachmittag bei ihr und spielt auf deren Dachboden, während Conni’s Oma die Urlaubsbetreuung von dieser übernimmt und nebenher noch Kekse bäckt, oder das Lesen der Uhr beibringt.

Mit dieser kurzen Erzählung von mir wurde eine weitere Gemeinsamkeit beider Serien deutlich. Bobo und Conni haben Mutter* und Vater* (sowie Oma* und Opa*). Diese gehen liebevoll miteinander um und leben bestätigt (Conni). oder implizit angenommen (Bobo) in einer Ehe miteinander. Selbiges gilt übrigens auch für Conni’s Freund:innen – zumindest für die, deren Hintergrundgeschichten eine Rolle spielen. Ein-Eltern-Familien, Patchworkfamilien, Pflegefamilien, Regenbogenfamilien, Tot eines (Groß-)Elternteils, etc. sind in keiner der Serien vertreten. Die einzige bewusste Diversität in Familienkonstellationen ist wohl Conni’s Freund* Simon, deren Mutter* als Italienerin* eingeführt wird, inclusive stereotypem Akzent und Hang zu Pizza. Während Conni jedoch zumindest manchmal fordergründig einige Geschlechter-Klischees umgeht (Conni lernt Fußballspielen, Jacob* geht zum Ballet, etc.), machten sich die Entwickler:innen von Bobo dem Siebenschläfer noch nicht einmal mehr dazu die Mühe. Alle und damit meine ich wirklich ALLE als weiblich* dargestellten Charaktere der Sendung tragen Kleider oder Röcke und zwar ausschließlich in Variationen von rot-rosa-pink. Bobo’s Babysitterin* bäckt Pfannkuchen mit ihm, während sein älterer Cousin* coole Stunts auf dem Fahrrad vorführt, seine Mutter* putzt die Wohnung, sein Vater* guckt mit einem Hammer in der Hand zum Fenster hinein.

Gut, mit der Geschlechter- und Sexualitätskeule kennen sich beide Serien also schon mal sehr gut aus. Darüber hinaus gibt es doch aber bestimmt nicht viel zu kritisieren, oder? Schon einmal darüber nachgedacht, dass sowohl Conni’s, als auch Bobo’s Familie selbstverständlich in einem eigenen Haus leben? Der gesellschaftliche Realität, in welcher viele Kinder in Stadtwohnungen ohne Garten und manchmal ohne eigenem Zimmer aufwachsen, wird in keiner der beiden Serien Rechnung getragen. Vor allem in der Conni-Serie scheint darüber hinaus für einfach alles Geld da zu sein – Urlaub, Musikkurs, Fußball, Balletschule, ein neues Fahrrad, mehrere kleine Geschenke während eines Besuchs des Einkaufszentrums, etc. Conni bekommt einfach alles und nicht nur das. Sie KANN auch einfach alles. Sie möchte Schwimmen-lernen. Klar klappt das in einer 20-Minuten-Folge. Fahrradfahren ohne Stützräder? Ein Klacks! Ballet? Hier ist dein Geburtstagstanz Papa. Scheitern, Unzufriedenheit, oder keine Lust haben, sind höchstens Themen, die im Laufe der Serie überwunden werden können. Am Ende steht der große Erfolg. Conni, das Wunderkind.

Dabei sind Bobo und Conni auch noch artig, freundlich, höflich, liebenswert und niemals frech. Die Eltern müssen nie schimpfen, oder etwas verbieten, denn Bobo und Conni würden sowieso niemals etwas Ungehöriges tun. Sie sind die perfekten Kinder. Das wird besonders deutlich bei Bobo, welcher am Ende einer Folge immer vor glückseeliger Erschöppfung einschläft, ein Bild von Friedlichkeit.

>Meine Freundin Conni< und >Bobo der Siebenschläfer<: zwei Serien für alle – also alle heteronorm und traditionell aufwachsenden, weiß gelesenen, in finanziell stabile Verhältnisse geborenen, liebevoll behandelten und gesunden Cis-Kinder ohne Launen, Schübe und Trotzphasen.

Warum lasse ich die Hummel dann überhaupt diese Serien ansehen? Die Antwort ist ebenso einfach wie deprimierend. Ich kenne keine Alternative. Gerade für Kleinkinder gibt es so viel Schrott zu sehen. Sendungen die überladen und quitschbunt, viel zu laut und völlig vorbei am Alltag meines Kindes sind. Bobo und Conni sind zumindest ruhig in ihrem Erzählfluß und positiv in ihrer Gestaltung. Deshalb beiße ich in diesen sauren Apfel. Ein gutes Gefühl habe ich dabei allerdings nicht. Ich sehe allerdings die Begeistertung der Hummel, wenn sie ihren Bobo (ein Wort unter wenigen, das sie sagen kann), oder Conni irgendwo sieht. Dieses kindliche Fantum möchte ich ihr auch nicht nehmen und so besitzt sie neben dem von mir mit Bobo bestickten Oberteil inzwischen auch ein Wimmelbildbuch des Siebenschläfers und seit Neuestem eine Conni-Zahnbürste samt Zahnpasta. Mein Kind – ein Markenopfer – jetzt schon…

12 Kommentare zu „Das Bobo-Conni-Paradox

  1. Mit vielfältigen (Kleinkind-)Serientipps kann ich leider nicht dienen, aber ich habe meine Masterarbeit über Regenbogenfamilien in Kinderbüchern geschrieben, also meldet euch gern, falls ihr dazu Tipps möchtet 🙂 das Angebot ist zwar überschaubar, aber es gibt immerhin für jedes Alter etwas 🙂
    Viele Grüße und ein schönes Wochenende!

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    1. Hi, ich hatte auch mal darüber gebloggt… Hast du noch Tipps für Bücher? Ich freue mich immer sehr. Neulich erst zufällig entdeckt“Soll ich es sagen?“ ein sehr tolles Diversitiy freudiges Buch ohne Geschlechter Klischee, Und ganz nebenbei wird erwähnt, dass der beste Freund Paul zwei Väter hat.😊

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  2. Vielleicht findet ihr Findus oder Peppa Wutz etwas erträglicher? Peppa hat zumindest ein bisschen Witz dabei. Ansonsten wird hier noch Mascha und der Bär geliebt, aber das Tempo putscht die Kinder sehr auf.
    Von der Kuh Lieselotte gibt es jetzt wohl auch eine Serie, vielleicht ist das was.

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    1. Die Kuh Liselotte haben wir auch schon gesehen und auch Bücher von ihr. Die mögen wir wirklich gerne 🙂 Peppa Wutz finde ich nicht schön gezeichnet… vielleicht muss ich mich da mal eines besseren belehren lassen… Findus scheint mir noch zu kompliziert für Jo. Danke für die Tipps. 🙂

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  3. Uns nervt das Klischee-Traditionelle teilweise auch. Aber man muss auch bedenken, dass Bobo aus dem 80ern stammt und Conni anfangs der 90er, da war Diversity auch noch nicht so präsent. Und dass die Vater Mutter Kind Kombi auch das ist, was nun mal heute auch noch der Großteil kindlicher Lebens Realität ist – auch der Familien um uns herum. Bobo und Conni sind massentauglich und ecken nicht an. Wobei ich finde, dass Bobo Vater durchaus fürsorglich ist und bei Bobo bekommt ein Geschwisterchen sowohl Vater wie auch Opa Care Arbeit übernehmen.
    Denn ökonomischen Aspekt hab ich bisher noch nicht so bedacht, allerdings wäre „Conni will reiten lernen, aber geht nicht weil Hartz 4“ auch ein sehr kurzer Film.😉 Die Angebote für Kleinkinder sind eben noch sehr einfach und problematisieren nicht – das finde ich für die Altersgruppe aber auch richtig so. Wir sehr Kinder Konflikte in Serien mitnehmen, merken wir jetzt hier bei unserem 3,5 jährigen, der manchmal aufgrund für uns banal erscheinenden Handlung abends nicht schlafen kann.
    Ich denke aber wie heywhatsmynameagain, dass hinsichtlich unterschiedlicher Familien Modelle eher Kinderbücher was bieten, oder auch später Serien für ältere Kinder, wo mehr Spielraum entsteht.
    Außerdem sind bauchKontakte zu anderen Regenbogen Familien w
    ichtig. Ich erinneree michh, das ihr hört mal über eure Suche gescherieben habt

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  4. Guten Morgen,

    schön, mal wieder von euch zu lesen. :o)

    Aus ähnlichen Motiven laufen hier beide Serien nicht mehr und auch die Bücher werden nicht mehr hervorgekramt. Neben den aus der Zeit gefallenen und/oder unrealistischen Familienbildern sind beide Serien einfach zu schnarchig. Und dieses „Daddy knows best“ mag ich einfach nicht.
    Etwas weniger anstrengend, aber auch ziemlich totdidaktisiert ist „Leo Lausemaus“ (ich weiß gar nicht, ob es dazu eine Serie gibt), immerhin gehen beide Eltern arbeiten und scheinen sich in gleichen Maßen um die Kinder zu kümmern.
    „Peppa Wutz“ war/ist bei den Kindern zwischen zwei und vier ganz groß. Ich war anfangs skeptisch (wie ihr wegen der Zeichnungen), aber die Serie ist wirklich niedlich. Natürlich leben auch da alle in Heterobeziehungen (das wird wohl noch ein paar Jahre dauern…), aber alle haben Ecken und Kanten und hin und wieder finde selbst ich als Erwachsene Stellen extrem unterhaltsam (die Enten als Running Gag o.ä.).
    Findus als Serie gefällt mir gar nicht, weil sie einfach den Büchern nicht gerecht wird. Bei den Büchern gibt es so viele Details zu finden, was auch wieder Sprechanlässe gibt. Natürlich sind die Bücher erst ab vier (oder fünf?), aber angucken und über die Bilder sprechen kann man auch vorher, wir haben sie von anfang an vorgelesen und irgendwann wurde auch die Handlung verstanden. Und ich wette, dass Lieselotte von diesen Werken inspieriert wurde.

    Was gibt es sonst noch? Bei Youtube haben einige Leute die Spots von der Sendung mit der Maus bzw. Sendung mit dem Elefanten hochgeladen. Unsere Kinder saßen immer vor dem Laptop und haben das, was sie gesehen haben, zusammengefasst: „Mama, die Maus rutscht!“ u.ä., auch unser damals sprechfauler Sohn (der übrigens auch zur Logo geht).

    Es ist wirklich schwierg, etwas Vernünftiges zu finden. Viele Kinderserien sind leider hingerotzter Animationsmist. So gibt es Serien zu „Peter Pan“ oder „Robin Hood“, die nichts mehr mit der Botschaft der Originalwerke zu tun haben. „Biene Maja“ wurde schlanker animiert (Himmel, es ist ein Insekt!) und die aktuelle „Sesamstraße“ ist zu 90% Schrott (das Krümelmonster isst jetzt Obst und Gemüse – wo bleiben diese anarchischen Ausreißer, die wir noch genießen durften?), zum Glück bietet Youtube da alte Perlen (kennt ihr die „Plonsters“ noch?!).

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  5. Mein Kind guckt seit er ca. 2/2,5 ist (und bisher ausschließlich) „Olis wilde Welt“. Wahrscheinlich gibt es Serien, die noch langsamer sind, aber dafür schauen wir auch ganz gerne mit.
    Ich bin nicht besonders sensibel dafür, aber ich würde meinen, dass die Serie aufgrund der Thematik das Problem der fehlenden Vielseitigkeit eher umgeht.

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  6. Ich, hetero, kinderlos, finde es total spannend, hier vor allem die Kommentare zu lesen! Ich hatte den Blogbeitrag einer anderen Mutter gezeigt, deren Tochter sehr auf Conni abfährt und die auch ein bißchen Probleme damit hat. Zwar lebt sie selbst die Mutter-Vater-Kind-Familie, somit findet sich ihr Kind durchaus in den Geschichten wieder. Die Mutter bemüht sich aber sehr darum, vor allem Bücher zu finden, in denen auch Kinder im Rollstuhl, mit Kopftuch, Farbig, mit zwei Vätern oder Müttern abgebildet sind, und ist auch gefrustet über die geringe Auswahl.

    Ein Gedanke kam mir noch beim Lesen des Blogbeitrags: ich hätte die viele Auswahl, was Conni alles kann und macht, nicht als „wir haben Geld ohne Ende“ wahrgenommen, sondern eher als Auswahl, damit für jedes lesende Kind etwas dabei ist – eins mag Fußball, eins reitet gern, etc. So kenne ich meine eigenen Kinderbücherserien von früher, die habe ich selten als „wow, was die alles machen können“ wahrgenommen, sondern eher als einzelne Episoden. Mir scheint aber auch, es gibt Unterschiede zwischen Conni-Büchern und Conni-Serie – ich habe beides nie gesehen, kann das daher nicht beurteilen.

    Die „Sendung mit der Maus“ hat(te?) übrigens auch einen Ableger für jüngeres Publikum, „Die Sendung mit dem Elefanten“. Vielleicht ist da was zu holen? Soweit ich weiß, bietet der WDR die Sendungen auch frei auf der eigenen Website an (falls mensch sich nicht durch Youtube suchen möchte).

    Und… das Krümelmonster frißt Obst und Gemüse?! Am besten noch mit Messer und Gabel… dagegen! Krümeln gehört zu Keksen! Wenn man den Gesundheitsaspekt herausstellen will, kann man ja ein Segment mit anderen Puppen oder Erzählung anschließen, wo es um Obst/Gemüse geht, aber doch nicht dem Krümelmonster seine Kekse wegnehmen… oO

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    1. „Die Mutter bemüht sich aber sehr darum, vor allem Bücher zu finden, in denen auch Kinder im Rollstuhl, mit Kopftuch, Farbig, mit zwei Vätern oder Müttern abgebildet sind, und ist auch gefrustet über die geringe Auswahl.“ Tip hierzu: auf dem Blog von „Juli liest“ werden immer wieder tolle Kinderbücher vorgestellt, die bestimmt gut passen würden. 🙂 Zu Kinderbüchern mit Regenbogenfamilien habe ich selber auch mal was geschrieben.

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  7. Hi,

    durch die Sendung mit dem Elefanten sind wir auf Charlie und Lola aufmerksam geworden. Hierbei handelt es sich um eine ursprünglich englische Serie in der sowohl Papa und Mama vorkommen aber nie zu sehen sind und sich die Aufgaben auch teilen, wie zum Geschäft fahren etc. Sie leben in einer Wohnung und es klappt nicht immer alles und es ist auch nicht alles immer super. Einfach mal bei Youtube oder im Wdr oder der Elefantenapp ausprobieren.

    Bei Bobo fällt mir sogar noch eine zweite Folge ein bei der der Opa mit Bobo alleine unterwegs ist, Bobo auf dem Bauernhof, aber auch uns ist es sehr einseitig. Mein Mann leidet auch unter den ganzen veralteten Rollenbildern die im Alltag, Büchern und Serien auf uns einwirken. Nett finden wir da als Hörspiel oder Buch Mein Freund Max, hier teilen sich die Eltern alle Aufgaben, Max hat eine Freundin die auch vieles super kann, auf Monster steht und mit Piraten spielt da bei uns auch die Weiblichen Vorbilder als Kinder außerhalb von Prinzessinnen und Rosa, Rock, Kleid und Astrid Lindgren viel zu wenig sind.
    Ganz schlimm ist Bibi Blocksberg, da gelingt dem Papa auch noch nichts was er versucht und dass er endlich eine normale Familie haben möchte ist wenn man es als Erwachsener hört auch sehr negativ.

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