Codename: Verbale Entwicklungsdyspraxie

Nun ist es schon wieder fast ein halbes Jahr her, seit ich mich aufraffen konnte hier auf dem Blog ein Update zu veröffentlichen. Passiert ist viel – erzählen könnte ich also einiges – und dennoch blieb im Alltag keine Energie online die leeren Seiten für euch zu füllen. Jetzt reiße ich mich mal zusammen und fange an. Mal sehen, wie weit ich komme…

Die letzte Veröffentlichung hier entstand kurz vor unserem wundervollen Sommerurlaub 2020. Damals hatte die Logopädische Behandlung der Hummel gerade frisch begonnen. Nun, fünf Monate später gehen wir immernoch regelmäßig zweimal die Woche zu unserer Logopädin* und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Überweisungen erhalten wir von Anfang an von unserer tollen Kinder-HNO-Ärztin*. Im Oktober letzten Jahres erhielten wir auch eine vorläufige Diagnose, die da „Verbale Entwicklungsdyspraxie“ lautet und wie Topf auf Deckel passt. Allen die nun denken: „Lasst dem Kind doch Zeit! Das macht nen Sprung und dann klappts mit dem Sprechen von ganz allein!“, oder „Bei Kindern unter Drei kann eins eh noch nichts sicher sagen!“, oder „Mein Kind hat auch erst spät gesprochen. Das ist normal!“, lasst euch gesagt sein: Solche oder ähnliche Aussagen hören wir seit eineinhalb Jahren sehr regelmäßig und die Antwort ist NEIN. Das Hummelch wird nicht wie von Zauberhand plötzlich sprechen und es ist auch nicht zu früh für solche vorsichtigen Einschätzungen. Unsere Tochter* quält sich mir ihrer mangelhaften Aussprache. Sie ist (auto-)aggressiv, weil sie sich nicht verständlich machen kann. Obwohl sie inzwischen weitaus häufiger versucht zu sprechen als am Beginn der Logopädie, kann sie nach wie vor nur eine Hand voll Worte fehlerfrei und verständlich sprachlich kommunizieren. Dankbar nimmt sie jede einzelne Gebärde auf, die wir mit ihr üben, da diese ihr eine differenziertere Mitteilungsmöglichkeit erlauben. Das ist NICHT normal und das verwächst sich auch nicht einfach so.

Eine verbale Entwicklungsdyspraxie ist eine schon früh erkennbare Entwicklungsstörung, die sich durch eine mangelhafte Aussprache bemerkbar macht. Das heißt, die betroffenen Kinder haben einen relativ normalen passiven Wortschatz und können auf diesen auch zugreifen, aber sie schaffen es nicht den Wille ein bestimmtes Wort sprachlich zu kommunizieren durch die hierfür erforderlichen Bewegungen in ihre räumliche und zeitliche Beziehung zu setzen. Das Ergebnis davon ist eine sehr verwaschene Aussprache. Die Nutzung mehrerer Vorkale in einem Wort fäät schwer (z.B.: O-Ma wird zu M-Ma). Ein und das selbe Wort klingt unterschiedlich (z.B.: Name Isi: Gigi, Igi, Isi, Gisi, etc.). Die einzigen beiden Worte, welche das Hummelchen regelmäßig (nicht immer) vollständig fehlerfrei ausdrücken kann sind Mama und Nein. Insgesamt besteht ihr Wortschatz aus für uns zumindest halbwegs verständlichen Worten aus höchstens 20 unterschiedlichen Begriffen. Zugegeben, damit lässt sich schon viel anfangen, was uns die Hummel auch täglich neu beweist. 😉 Ich könnte hier noch weitere Besonderheiten ihrer Sprache aufzeigen, aber ich denke ihr versteht, was ich sagen möchte. In der Logopädie wird das Hummelchen einerseits dazu motiviert überhaupt verbal zu kommunizieren und andererseits üben wir mit ihr eine vereinfachte Gebärdensprache.

Die Logopädin* war es auch, die uns riet über einen Integrativen Kindergartenplatz für das Hummelchen nachzudenken. Für uns stand schnell fest, dass wir einen solchen auch haben wollen. Sie geht seit Oktober zu einer Tagesmutter* und da läuft es soweit auch gut, aber dort sind nur insgesamt fünf Kinder im Alter unter drei Jahre. In einer größeren Gruppe von teils viel älteren Kindern hätte ich große Bedenken, dass für die besonderen Bedürfnisse der Hummel wenig Raum bleibt. Die Erzieher:innen vor Ort hätten wohl kaum die Möglichkeit mit der Hummel im Notfall über die Gebärden zu kommunizieren, aber diese helfen ihr seben ich auszudrücken und seit wir sie nutzen ist sie weit weniger (auto-)aggressiv. Früher hat sie regelmäßig ihren Kopf gegen Türen oder Tische geknallt, wenn sie wieder einmal frustiert feststellen musste, dass niemand sie versteht. Integrative Kindergärten nutzen häufig standardmäßig Gebärdensprachen, der Betreuungsschlüssel ist niedriger und es stehen pro Kind mehr Stunden zur Verfügung. Die Bewerbung für einen Integrativen Kindergartenplatz läuft hier erst einmal genauso ab, wie die Bewerbung für einen ganz normalen Platz. Es gibt ein Onlineportal der Stadt, über welches eins sich bei Kindergärten bewerben kann. Anschließend gibt es eine Phase des Wartens in welchem die Kindergärten bei Bedarf Kontakt mit den Familien aufnehmen, es gibt Kindergartenbesichtigungen, etc. Spätestens im Feburar erhält eins dann Bescheid, ob und in welchen KiTas das Kind einen Betreuungsplatz bekommen würde. Anschließend kann eins sich im besten Fall für einen Kindergarten entscheiden. Handel es sich jedoch um die Bewerbung für einen Integrativen Kindergatenplatz muss eins normalerweise mit der Bestätigung, dass ein solcher Platz in Aussicht steht, einen Termin mit dem Gesundheitsamt vereinbaren. Dort wird in einem Gespräch eine Diagnose bezüglich der Notwendigkeit eines Integrativen Kindergartenplatzes erstellt und die benötigte Stundenzahl festgelegt. Zu Zeiten von Corona ist aber selbstverständlich alles anders. Die Gesundheitsämter haben ihre Arbeit vollständig niedergelegt. Die Diagnostik wird nun direkt von den Integrativen Kindergärten übernommen, welche hierfür auf Gutachten der zuständigen Ärzt:innen, Therapeut:innen, etc. zurückgreifen. Dafür ist es sinnvoll so viele unterschiedliche Gutachten wie möglich zu bekommen.

Unsere Logopädin* hatte uns bereits vor einigen Wochen ein kurzes Gutachten geschrieben. Nun vereinbarte ich also noch bei unserer Kinderärztin* einen Termin, unter anderem um ein solches Schreiben zu erhalten. Tja, hatte ich mir zumindest so vorgestellt. In der Realität teilte uns die Kinderärtin* nämlich mit, dass sie ein solches Gutachten nicht vor dem dritten Lebensjahr der Hummel ausfüllen werde. Mein Hinweis, dass die Bewerbungen für die Kindergärten aber JETZT stattfinden und uns ein Gutachten im Sommer nichts mehr nütze, da die Hummel schließlich dann bereits in einen Integrativen Kindergarten gehen soll, halfen nichts. Die Kinderärztin* teilte mir (ohne mit der Hummel auch nur zu Sprechen) mit, dass eine Sprachverzögerung jetzt noch garnicht richtig feststellbar sei und auch Logopädie unter drei nicht gemacht werde. Meine Informtion, dass die Hummel bereits seit MONATEN zur Logopädie gehe und die Rezepte von der HNO-Ärztin* ausgestellt werden, zu welcher wir von der Kinderärztin* überwiesen wurden, halfen nichts. Der Termin war ein vollständiger Reinfall. Ich verließ die Praxis unverrichteter Dinge mit dem Entschluss unsere Kinderärztin* zu wechseln. Zwei Tage später stand der regelmäßige Kontrolltermin mit unserer HNO-Ärztin* an. Das Hannibaellchen begleitete die Hummel. Die Hörtests waren wie immer unauffällig. Anschließend berichtete das Hannibaellchen von unserer Kinderärztinnen*erfahrung. Die HNO-Ärztin* war sichtlich genervt von dieser unnötigen Anti-Haltung und schrieb uns sofort ein mit ihrem Wortlaut „extra-drastisches“ Gutachten. Nun haben wir also zumindest zwei Schreiben aus denen die Notwendigkeit eines Integrativen Kindergartenbesuchs hervorgeht. Als Sahnehäubchen zu diesem Erfolgserlebnis erhielten wir heute morgen die Zusage für unseren favorisierten Kindergartenplatz. Ein noch im Bau befindlicher integrativer Kindergarten, dessen inklusiver Träger viele weitere Einrichtung für die Inklusion Behinderter/von Behinderung bedrohter Personen unterhält. Diese befinden sich alle auf einer riesigen Grünfläche, incl. Hühnerställe, Schafstall, Gärtnerei, Töpferei, etc. Die Kindergartenkinder dürfen die Tiere versorgen, haben eine riesige Tobewiese vor der Haustür und der Kindergarten möchte außerdem einen Fokus auf Musik und Rollenspiel legen. Außerdem ist die Einrichtung nur acht Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Wir freuen uns so sehr, dass zumindest hier einmal etwas gut geklappt hat.

Und mit diesem Erfolgserlebnis mache ich Schluss. Es gibt noch vieles mehr zu erzählen… Vielleicht komme ich die nächsten Tage einmal wieder dazu.

Ein Kommentar zu „Codename: Verbale Entwicklungsdyspraxie

  1. Hallo, da habt ihr ja vieles für das Hummelchen super in die Wege geleitet.
    Mein Pflegesohn besucht seit er dreieinhalb ist eine Kita, in der quasi jedes Erzieherinnenwort mit GUK (ich denke mal davon sprichst du auch) und ALLE Kinder profitieren sehr davon.
    Sein Förderbedarf liegt zwar eher woanders und den Gutachtenkrieg , der bei uns mit dem zeitweiligen Rauswurf aus der Kita gipfelte- habe ich in schlechter Erinnerung, man muss schon ziemlich zäh dafür sein.
    Nun bin ich zur Einschulung in der zweiten Runde…

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