Umgang zu acht

Gestern hatten wir einen ganz besonderen Umgangstermin, denn es war nicht nur Frau* S. (die leibliche Mutter*), sondern auch deren Mutter (also die leibliche Oma*), der Bruder* von von Frau* S. (also der leibliche Onkel) und das ältereste Kind von Frau* S (also der Bruder* der Hummel), das dauerhaft bei der Oma* lebt, anwesend.

Frau* S. hatte es sich schon länger gewünscht, dass auch die leibliche Oma* der Hummel diese einmal kennenlernen dürfe. Im Bericht des Pflegekinderdienstes für das Hilfeplangespräch war dies auch vermerkt, zusammen mit der Einschätzung von Frau* H. (die Zuständige Sozialarbeiterin* des Pflegekinderdienstes), dass dies in naher Zukunft durchaus denkbar sei, schließlich sei Frau* S. seit einiger Zeit sehr zuverlässig.

Am 06. August 2020 fand das zweite Hilfeplangespräch in den Räumlichkeiten des Jugendamtes statt. Alle eingeladenen Personen waren anwesend. Das heißt: Frau* S., Frau* H., Frau* K. (zuständige Sozialarbeiterin* des Jugendamtes), Frau* D. (Ergänzungspflegerin* der Hummel – ehemalige Vormündin*), das Hannibaellchen, die Hummel und ich. Wir saßen also mit dem nötigen Corona-Abstand zu siebt in einem viel zu kleinen Raum. Nach dem typischen Vorgeplänkel („Es ist so heiß.“, „Corona nervt.“, etc.) ging es dann auch zur Sache. Ich schilderte kurz die aktuelle Situation des Hummelchens. Erzählte, dass sie ab September zu einer Tagesmutter* gehen würde, und dass wir zur Förderung der Sprachentwicklung gerade auf der Suche nach einer Logopädiepraxis sind. Anschließend wurden Frau* S. zu ihrer aktuellen Situation ein paar Fragen gestellt. Gegen Ende des Gesprächs ( also eine viertel Stunde nachdem es begonnen hatte) kam dann das Umgangs-Thema auf den Tisch. Es wurde festgelegt, dass die leibliche Oma* der Hummel bereits beim nächsten vereinbarten Umgangstermin (also in einer Woche) dabei sein könne. Diese müsse aber, da gerade Sommerferien sind, ihren Sohn* und ihr Enkelkind ebenfalls mitbringen. Das war ok für uns, schließlich waren wir auch neugierig auf den leiblichen Bruder* der Hummel.

Gestern war es dann also so weit. Wir trafen uns beim Pflegekinderdienst und gingen anschließend gemeinsam auf den Spielplatz um die Ecke. Wir wohnen selbst nur wenige Minuten vom Pflegekinderdienst entfernt und der „Spielplatz um die Ecke“ ist somit unser Stammspielplatz. Das Hummelchen kennt sich dort sehr gut aus. Andererseits müssen wir immer ein wenig aufpassen, denn die leibliche Mutter soll nicht erfahren, wo genau wir leben. Frau* S. und ihre Familie warteten bereits, als wir in die Straße des Pflegekinderdienstes einbogen. Schon zur Begrüßung teilte uns die leibliche Oma* der Hummel mit, wie lange sie dieses Tag herbeisehnen würde und, dass sie bereits den ganzen Vormittag Tränen verdrücken müsse. Der leibliche Bruder* des Hummelchens versteckte sich hinter seiner Oma (er* weiß nicht, dass Frau* S. eigentlich seine Mutter ist). Der im Rollstuhl sitzende jüngere Bruder* von Frau* S. hilt sich im Hintergrund. Wie immer wurde anschließend das Aussehen der Hummel gelobt. Die leibliche Oma* hatte außerdem ein Minnie-Maus-Plüschtier für das Hummelchen dabei.

Als Frau* H. wenig später aus der Tür trat, war unsere Gruppe vollzählig und wir gingen los in Richtung Spielplatz. Das Hummelchen fuhr Stolz auf ihrem Puckylino voran. Dort angekommen spielten das Hannibaellchen und ich erst einige Zeit mit der Hummel, während die anderen Beteiligten mitteinander sprachen. Anschließend versuchten Frau* S. und die leibliche Oma* Kontakt mit der Hummel aufzunehmen, was auch gut gelang. Der leibliche Bruder* des Hummelchens hielt sich die ganze Zeit sehr nah bei seiner Oma* auf und sprach kaum ein Wort. Er wird bald sechs Jahre alt, wirkt jedoch keinesfalls wie ein Vorschulkind. Durch seine Duchenne-Erkrankung fängt er bereits jetzt an massiv an Muskelgewebe zu verlieren. Irgendwann wird er, so wie sein Onkel* im Rollstuhl sitzen. Duchenne ist tötlich. Sowohl Onkel*, als auch Bruder werden spätestens in ihren Dreißiger-Jahren sterben. Da die Erkrankung über das X-Chromosom vererbt wird, sind fast nur Personen mit einem XY-Chromosomensatz von ihr betroffen. Das Hummelchen kann demnach zwar Trägerin* der Erberkrankung sein, aber ist nicht daran erkankt. Ihr Bruder* ist sehr wackelig auf den Beinen, fällt oft, spricht nur wenige Worte, wirkt insgesamt sehr klein und schmächtig und ist sehr schüchtern. Erst gegen Ende des eineinhalbstündigen Termins taute er ein wenig auf und ich sah ihn im Spiel mit seiner Oma* lachen.

Die leibliche Oma* erzählte im Verlauf des Termines noch ettliche Male wie viel es ihr bedeute, das Hummelch endlich kennen zu lernen und teilte mit, dass sie sie in Zukunft regelmäßig sehen wolle. Auch Großeltern haben ein Umgangsrecht mit ihren Enkeln, wenn dieses dem Kindeswohl dient. Es ist somit also durchaus denkbar, dass wir zukünftig häufiger Kontakt mit der leiblichen Oma* der Hummel haben werden. Diese war es vermutlich auch, die Frau* S. vor zwei Jahren nahelegte sich eine Anwältin* im Gerichtsprozess zu nehmen. Sie wirkt insgesamt eindeutig tatkräftiger als ihre Tochter*. Ich konnte mich später im Laufe des Umgangs noch ein wenig mit ihr unterhalten. Vor dem Treffen hatte ich das Bild einer etwas herrschen und sehr dominanten etwas älteren Frau* im Kopf. Ihr Erscheinungsbild und die vielen Tränen ihrerseits brachten das etwas ins wanken. Dennoch habe ich nach wie vor weitaus mehr Bedenken bezüglich dieser ‚Oma‘, als bei Frau* S. Im Gegensatz zu ihrer Tochter* kann diese sich nach außen ziemlich gut verkaufen und nur das Wissen um die Hintergründe ließ mich an der ein oder anderen Stelle ihrer Erzählung aufhorchen. Ich werde hier keine detaillierten Infos über die Herkunftsfamilie der Hummel weitergeben, aber auch die leibliche Oma gehört selbstverständlich in dieses Konstrukt und ist kein unbeschriebenes Blatt.

In der letzten halben Stunde des Umgangs fand dann noch mehr Interaktion zwischen dem Hummelchen und Frau* S. statt als in allen anderen vorherigen Umgängen zusammen und auch die leibliche Oma* und der leibliche Bruder* waren mit von der Partie. Das Hannibaellchen und ich blieben mit Frau* H. und dem Bruder* von Frau* S. in einiger Entfernung sitzen und sprachen miteinander über dies und das. Inzwischen war schon längst für typische Mittagsschlafzeit der Hummel angebrochen und als diese immer häufiger deutlich die Augen rieb, brauchen wir alle vom Spielplatz auf und liefen zurück. An einer Kreuzung verabschiedeten wir Frau* S. und ihre Familie, die in Richtung der öffentlichen Verkehrsmittel davonging. Wir begleiteten Frau* H. noch ein Stück, um nicht in die selbe Richtung zu laufen. Frau* H. war sehr zufrieden mit dem Verlauf des Umgangs, machte aber noch einmal deutlich, dass wir uns keine Sorgen machen müssten, denn auch bei der Oma sei Vieles nicht gut, wir wir ja wüssten.

Tja, wenn das mit den Sorgen so einfach wäre. Ich muss sagen, dass es mich schon jedes Mal trifft, wenn das Hummelchen unbedarft und freudig, so wie sie eben ist, auf Frau* S. zugeht. Zu sehen, wie sie dieser beim Überqueren einer Straße die Hand reicht, oder auch von ihr hoch genommen werden möchte, tut mir weh. Besonders emotional belastend war für mich diese letzte halbe Stunde in der das Hannibaellchen und ich gefühlt angeschrieben waren. Mein Kopf sagt mir, dass es ok ist. Es ist total in Ordnung, dass unser Kind die Umhänge (noch) unbedarft und freudig erlebt. Es ist total ok, dass Frau* S. Immer besser weiß, wie sie mit der Hummel umgehen kann. Es ist schön, dass es Frau* S. insgesamt besser zu gehen scheint und auch der Wunsch der leiblichen Oma* nach Kontakt ist erst einmal verständlich und positiv. Mein Herz kämpft aber mit der Angst. Ich wünsche mir vor jedem Umgang, dass die Hummel müde und unzufrieden ist, oder dass es Frau* S. schlechter geht. Ich weiß wie gemein das gerade klingt und eigentlich meine ich es auch nicht ernst. Ich mache mir einfach nur Sorgen um unser Kind. So wie alle Eltern. Ich kann sie im Ernstfall nicht beschützen und die Tatsache, dass ich einfach so aus ihrem Leben heraus radiert werden könnte, wird mir in solchen Momenten schmerzlich bewusst. Heute wird das Hummelchen zwei Jahre alt. Fast diese gesamten zwei Jahre sind wir nun an ihrer Seite und immer für sie da, aber Rechte haben wir keine. Es tut weh darüber nachzudenken, dass selbst die Mutter* von Frau* S, in ihrer Rolle als leibliche Oma* über mehr Rechte verfügt, als wir. Sie könnte vor Gericht Umgangskontakte einklagen, aber wir sind nur eine Hilfe zur Erziehung und dürfen noch nicht einmal ohne die Erlaubnis des Jugendamts verreisen. Das tut weh…

Aber heute ist der zweite Geburtstag der Hummel. Im Esszimmer stehen die Geschenke bereit. Alles ist schön gemacht und wir haben einen tollen Tag vor uns. Oma* und Opa* (meine Eltern) sind da und später machen wir mit vielen Freund*innen einen Ausflug. Bestimmt wacht die Hummel gleich auf und dann starten wir in diesen Tag. Deshalb vertreibe ich meine doofen Gedanken jetzt in eine dunkle Ecke und freue mich auf die kommenden Stunden.

Also, auch euch einen schönen Tag und vielleicht komme ich ja bald dazu ihren Geburtstag und den aktuellen Entwicklungsstand etwas zu schildern!

Liebe Grüße!

2 Kommentare zu „Umgang zu acht

  1. Ich finde deine emotionale Beklemmung total nachvollziehbar. Meine Frau sagte heute, dass ihr da deutlich wird, wie wenig sie mit so einer Konstellation zurecht käme. So etwas muss man sich zutrauen, und auch wenn das es tut, wird es immer wieder mal eine Zerreißprobe für die Nerven sein.
    Auch die innere Ambivalenz verstehe ich gut. Einerseits wünscht ihr niemandem etwas schlechtes. Andererseits möchtet ihr auch nicht, dass eine Situation entsteht, die den Verbleib der Hummel bei euch in Frage stellt. Ich glaube diesen Zwiespalt kann man einfach nur akzeptieren und aushalten und Nachsicht mit sich selbst haben, dass manchmal auch unschöne Gedanken auftauchen, die man nicht haben will, die aber einfach nur menschlich sind. Alles Liebe für Euch und einen wunderschönen Geburtstag ❤️

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    1. Den wunderschönen Geburtstag hatten wir. Es war ein richtig toller Tag! Und ja, es ist wir ihr schreibt. Die Ambivalenz wird bleiben. Wir können die Situation ja durch unsere Berufserfahrung recht gut einschätzen und wissen eigentlich, dass alles gut ist… Aber das Herz hat eben Angst und das Emotionen mehr wiegen als Fakten wissen wir ja leider auch alle… Dieses Thema wird uns immer begleiten. Einmal mehr, einmal weniger… Aber es gehört wohl nun für immer zu uns. Für unser Hummelchen nehmen wir das alles aber gerne auf und. Sie ist jeden Kampf wert!

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