Wer darf eigentlich über den Wert eines Menschen urteilen?

Gestern wurde an mich eine Meinung herangetragen, die mich kopfschüttelnd zurück lässt. Eine Meinung, die mich so fassungslos machte, dass ich ehrlich gesagt immernoch die ‚versteckte Kamera‘ suche. Eine Meinung die daherkam mit weiteren sehr verletzenden Aussagen, welche gezielt ausgesprochen wurden, um mich zu treffen. Darüber möchte ich euch hier kurz berichten:

Ich machte gestern etwas für mich ganz Neues. Ich erzählte auf meinem Instsgramprofil in einer ‚Story‘, einer Art tagesaktuelle Kurzfilme, von meinem Verständnis gegenüber leiblichen Elternteilen. Ich gab damit einem inneren Bedürfnis nach, denn dieses Thema beschäftigt mich im Moment wieder etwas mehr, weshalb ich auch hier weiter ausholen werde. Am letzten Sonntag fand nämlich die Taufe einer der Halbschwestern* der Hummel statt. Wir waren eingeladen (wie auch schon bei der Taufe der anderen Schwester* vor einem Monat). Auch die leibliche Mutter* wollte teilnehmen und um dies zu ermöglichen sollte auch Frau* H. vom Pflegekinderdienst dabei sein, die dafür extra an einem Sonntag gearbeitet hätte. Wie ihr wisst, möchte der Gutachter* der derzeit das Erziehungsfähigkeitsgutachten von Frau* S. (der leiblichen Mutter*) schreibt außerdem, dass es vor dem nächsten begutachteten Umgang mindestens drei weitere Umgänge gab, damit zwischen der Hummel und Frau* S. eine >Bindung< beobachtet werden kann (die es nach drei Terminen selbstverständlich nicht geben wird, aber das ist nicht unser Problem). Da es sich so gut anbot, wurde die Taufe, zu der ja eh schon alle kommen wollten, also auch gleichzeitig als erster ‚offizieller‘ Umgangskontakt festgelegt. Es wäre somit für Frau S. doppelt wichtig gewesen an diese Tag zu erscheinen den schließlich war es 1. die Taufe eines ihrer Kinder und 2. ein dokumentierter Termin für das Gutachten. Tja, aber wie ihr euch schon denken könnt, kam sie nicht. Sie hatte verschlafen, wie wir später erfuhren.

Beim Fest nach der Taufe kam ich mit ein paar Freunden der Pflegefamilie von Hummelchens frisch getaufter Halbschwester* ins Gespräch und über kurz oder lang landete das Gespräch bei Frau* S. Schnell hieß es da ‚Die interessiert sich nicht für ihre Kinder!‘, oder noch krasser ‚Wer so unverantwortlich ist, gehört zwangskastriert.‘ Solche vereinheitlichende Aussagen kann ich aber nicht auf mir beruhen lassen, weshalb ich schon da versuchte, Stellung für einen differenzierteren Blick zu beziehen – mit mäßigem Erfolg. Besagte Instsgram-Story stellte für mich gestern eine Plattform dar, um unsere Position bezüglich leiblicher Eltern weiter zu verdeutlicht. Wir versuchen Menschen generell nicht schwarz oder weiß zu sehen, sondern Nuancen und Grautöne. Ich versuche also auch Frau* S. weder als ‚die schreckliche Frau* die sich nicht für ihre Kinder interessiert‘ noch als ‚die arme kranke Frau, der geholfen werden muss‘ zu sehen. Fakt ist, dass Frau* S. in Bezug auf ihre Kinder unverantwortlich gehandelt hat und noch immer handelt. Fakt ist weiter, dass es kein einziges dieser Kinder gut bei ihr hätte und, dass sie diesen teilweise schlimme Dinge angetan hat. Fakt ist, dass sie sich nicht an Vereinbarungen hält, Termine nicht wahrnimmt und nicht für das Wohl ihrer Kinder Eintritt, obwohl sie gerade auf rechtlichen Wegen versucht zumindest die Hummel zurück zu bekommen. Fakt ist aber auch, dass Frau* S. selbst sehr unglücklich mit ihrem Leben ist und hier sehr viel schief geht. Fakt ist, dass auch ihre eigene Kindheit nicht behütet war, oder ihr die Sicherheit vermittelte die sie* gebraucht hätte. Fakt ist, dass Frau* S. ganz alleine dasteht im Leben und von niemandem Rückhalt erlebt. Kein Fakt, aber mein pädagogisches Gespür sagt mir, dass Frau* S. ihre Kinder liebt und sich gerne um die kümmern würde, es aber nicht schafft. Sie hat so viele eigene Baustellen, muss so viel Kraft drauf verwenden ihren Alltag zu meistern, dass da kein Platz für andere ist, auch nicht für ihre Kinder. Sie will – aber sie kann einfach nicht, egal wie sehr sie sich anstrengt. Sie klammert sich an Hoffnungen und Utopien ‚Wenn erst einmal die Hummel bei mir lebt, wird alles gut. Dann fange ich neu an!‘ und schafft es nicht sich einzugestehen, dass sie* nur zum vierten Mal scheitern wird. Ich sehe somit eine Frau* die mein Mitgefühl verdient. Mitgefühl, aber nicht Mitleid, DENN auch wenn ich verstehe woher ihr* Verhalten rührt, tut sie* ihren Kindern trotzdem nicht gut. Ihre vier Kinder sind eigene Persönlichkeiten. Diese dienen keinem Zweck, auch nicht der ‚Heilung‘ ihrer leiblichen Mutter*. Diese vier kleinen Menschen haben ebenfalls Bedürfnise und Rechte. Im Moment sind zumindest drei davon noch zu klein um bestimmte Dinge vollständig begreifen zu können, aber irgendwann werden sie sich äußern und ich werde dann immer versuchen die Position der Hummel zu vertreten. Ich kann versuchen die bis dahin stattfinden Umgangskontakte positiv zu gestalten, aber sollte die Hummel irgendwann zeigen, dass sie diese Termine nicht mehr möchte (warum auch immer), werde ich auf ihrer Seite stehen. Da sind mir dann auch die Bedürfnisse der leiblichen Mutter* egal. Denn auch wenn ich versuche nachzuvollziehen warum sie* so ist wie sie* ist und deshalb auch keinen Hass oder eine andere Form von Antipathie empfinde, so ist sie* doch ein erwachsener Mensch, der Verantwortung für eigenes Handeln übernehmen muss. Ihr derzeitiges Handeln ist aber eben nicht gut für ihre* Kinder und das wird sich (vermutlich) nicht ändern, weshalb diese aus guten Gründen in Pflegefamilien leben.

Also noch einmal auf den Punkt gebracht: Frau* S. hat wie jeder Mensch eine universelle Menschenwürde und mein Mitgefühl und DENNOCH heiße ich ihr Handeln nicht gut und finde es schrecklich, was die ihren Kindern angetan hat und immernoch antut.

Auf diese Instsgram-Story erhielt ich eine Antwort von einer anderen Mutter*. Ich folgte ihr schon länger und sie mit, da unsere Kinder in etwa gleich alt sind. Engeren Kontakt hatten wir bis zu diesem Gespräch jedoch nicht. Sie wendete sich mit folgender Aussage an mich:

Probleme hin oder her, eine Mutter, die ihr Kind abgibt und sich nicht dafür ändert, ist in meinen Augen nichts wert. Ich habe kein Verständnis für solche Frauen

Daraufhin benannte ich ihre Meinung als ‚unmenschlich‘ und erklärte, dass ‚Wert‘ in unserer Gesellschaft nichts ist, was ein Mensch sich durch Taten erarbeiten muss. Diese Aussage empfand besagte Person jedoch als Angriff gegen sich und nannte mich beleidigend. Meine Ausführungen zur universellen Menschenwürde betitelte sie* als Meinung und auch mein Versuch ihr die Situation betroffener Frauen* näher zu bringen und zu erklären, dass es auch eine weise und reflektierte Entscheidung sein kann ein Kind abzugeben, weil mensch sich selbst nicht kümmern kann und das auch einsieht, kommentierte sie* wie folgt:

Du kannst deine Meinung gerne haben. Genauso finde ich deine Meinung halt dumm. Sehr Weise ist es dann für solche Frauen entweder keine Kinder in die Welt zu setzen oder sich ganz einfach für seine Kinder zu ändern, wenn man die Wahl hat. Es gibt auch viele Kinder, die im Heim groß werden oder nicht das Glück haben in gute Pflegefamilien zu kommen, sondern in welche wo sie sogar mehrfach missbraucht und misshandelt werden. Das ist natürlich sehr weise. So stehe ich ebenfalls zu meiner Meinung.

An dieser Stelle beendete ich das Gespräch folgendermaßen:

Ich werde dir nun entfolgen und dich aus meiner Liste schmeißen. Menschenwürde anzuerkennen ist keine ‚Meinung‘ sondern ein Grundrecht und dafür haben wir lange gekämpft. Du machst hier gerade ein Grundrecht davon abhängig, ob jemand eine (in deinen Augen) gute Mutter ist oder nicht und jemand anderes macht es an der Hautfarbe oder der Religion abhängig. Das läuft vollständig aufs gleiche raus. Da für mich die Grundrechte aber nicht verhandelbar und erst recht nichts mit persönlicher ‚Meinung‘ zu tun haben, möchte ich auch mit dir nichts zu tun haben. Schönen Abend noch.

Anschließend musste ich mir dazu folgendes von ihr anhören:

😂 Tu das. Ich weiß was Diskriminierung bedeutet und an solch engstirnigen Menschen wie dir habe ich ebenfalls kein Interesse. Wenn sie so ein toller Mensch ist, bekommt sie ihre Tochter ja hoffentlich bald zurück. Machs gut

Tatsächlich geht mir dieser kurze Austausch näher, als es gut für mich ist. Ich fühle mich nicht angegriffen, denn ich vertrete meine „Meinung“ bzw. die universelle Menschenwürde noch genauso rigoros wie vor dem Gespräch. Nah geht mir, dass ich immer häufiger merke, wie verloren der Posten ist, auf dem ich kämpfe. Einfache Schwarz-Weiß-Schemata schleichen sich nach und nach immer weiter ein in unseren Alltag und bestimmten das Denken. Populistisches Gedankengut jeglichen Coleurs ist inzwischen anscheinend so sehr tolleriert, dass sich hier eine junge Mutter* ohne mit der Wimper zu zucken in die Position der Richterin* über Wert und Unwert eines Menschen erhebt. Sie geht sogar noch weiter und betitelt mich als „engstirnig“, da ich die Frau* S. in ihren Augen in Schutz nehme. Frau* S. – die Person die den Geschwistern unserer Hummel so viel Leid angetan hat. Frau* S. – die unser Leben gerade so schwer macht und uns so viele gedankenvolle Stunden beschert. Dabei bin ich mir selbstverständlich darüber bewusst, dass diese Kommentatorin* schlussendlich nur noch verletzten wollte und mit ihrer Aussage, dass die Hummel dann ja hoffentlich bald zu ihrer tollen leiblichen Mutter* zurück gehen kann, den tiefsten Wunden Punkt treffen wollte, den sie auf die Schnelle finden konnte.

Und dennoch: Irgendwo sitzt diese Person, hält mich für eine Vollidiotin und fühlt sich auch noch im Recht dabei UND sie ist vermutlich nicht die Einzige. Mein ständiges „Das muss mensch aber differenzierter betrachten!“ und „So einfach ist das aber nicht!“, oder „Mensch muss das aber auch noch von der anderen Seite sehen!“, und „Da kenne ich mich nicht aus, deshalb habe ich da keine Meinung dazu!“ nervt. Da ist es natürlich viel leichter zu sagen, dass Frau* S. ein unwerter Mensch ist, weil sie sich ja nicht für ihre Kinder ändert, oder dass afrikanische Männer* sexistisch sind, Juden geldgeil, Sinti und Roma diebisch, das Establishment korrupt, Homosexuelle pädophil – die Liste lässt sich ewig weiterführen, aber ich denke es wird deutlich, worauf ich hinausmöchte. Davor habe ich Angst. In so einer Welt möchte ich nicht leben und genau deshalb lässt mich das oben stehende Gespräch eben nicht los. Ich möchte nerven, ich möchte in Frage stellen und mein Verständnis von Menschenwürde in die Welt schrei(b)en. Denn die andere Seite ist laut und wird immer lauter und genau deshalb, braucht es diese Gegenstimme:

ES GIBT KEIN >WIR< UND >DIE<, DIE WELT IST NICHT >SCHWARZ< ODER >WEIß<

8 Kommentare zu „Wer darf eigentlich über den Wert eines Menschen urteilen?

  1. Es ist sooo viel einfacher, in Schubladen zu denken. Evolutionär (ja ja, jetzt komm ich wieder damit 😉 ) macht es Sinn, Kategorien und Schubladen zu haben, damit wir mit unserem riesigen Gehirn nicht völlig überfordert sind. Aber eben jenes riesige Hirn befähigt uns auch dazu, Schubladen zu hinterfragen und neu zu sortieren. Ganz wichtige Sache, sonst werden wir irgendwann starr in unseren Ansichten. Die Dinge ändern sich (und das ist gut so!). Ich hab im ersten Moment, wo ich von Frau S. hörte, auch mit den Augen gerollt. Ja, vielleicht wäre es gut, wenn sie keine weiteren Kinder in die Welt setzen könnte… aber herrjeh, wer wäre ich denn, das zu entscheiden?! Menschenrecht ist soooo wichtig! Bitte nicht entmutigen lassen von solchen Deppen, die zu unflexibel sind, über ihren eigenen Tellerrand zu schauen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Noelana,
    Meine erste Idee beim Lesen dieses Dialogs ist, dass da ein Mensch mit ganz großen innern Verletzungen schreibt; Verletzungen , die genau dieses Thema betreffen.
    Muss natürlich nicht stimmen, wirst du nun vermutlich auch nicht mehr erfahren. Aber wer weiß, was unsere Kinder eines Tages schreiben werden.
    Das Verhältnis zwischen Pflegeeltern und leiblichen Eltern ist wohl eines der schwierigsten.
    Meine Gedanken dazu verlinke ich dir aus Faulheit einfach.
    Mein Blogbeitrag ist schon etwas älter, beim Wiederlesen stimmt er für mich aber noch.
    https://fundevogelnest.wordpress.com/2017/11/10/beziehung-ohne-vorbild/
    Liebe Grüße
    Natalie

    Gefällt 1 Person

    1. Ich habe den Post gerade gelesen und denke, dass unsere Meinung da sehr ähnlich ist. Zumindest erkenne ich uns in deinem Bericht wieder und würde ihn genau so unterschreiben 🙂 ich gespannt, wie sich der Kontakt bei und noch entwickeln wird… Noch steht zwischen ‚pendelt sich gut ein‘ bis ‚taucht unter und ward nie mehr gesehen‘ alles offen…

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    2. PS: und ja, du magst recht haben bezüglich der persönlichen Betroffenheit der Kommentatorin, ABER dennoch ist es falsch einem Menschen den sie noch nicht einmal kennt deshalb den Wert abzusprechen…

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  3. „…entweder keine Kinder in die Welt zu setzen oder sich ganz einfach für seine Kinder zu ändern,“
    Und wo wir schon dabei sind, könnten doch Alkoholiker ganz einfach aufhören zu trinken, Übergewichtige ganz einfach abnehmen, Depressive sich ganz einfach mal zusammenreißen und aufstehen, Analphabeten ganz einfach mal lesen lernen, Gewalttäter ganz einfach mal friedlich sein und Obdachlose ganz einfach mal eine Wohnung suchen. 🤷‍♀️
    Manchmal verzweifelt man an der Menscheit. Es gibt einfach leider zu viele Menschen, die überzeugt sind, dass das Leben so simpel ist: das Richtige vom Falschen zu unterscheiden ist ohne weiteres für jede*n möglich (und auch Konsens), und das Richtige zu tun halt nur eine Frage von Entscheidung und vielleicht noch etwas Anstrengung. Wie gerne blendet man dabei aus, wie schwer man selbst sich manchmal tut, die einfachsten guten Vorsätze umzusetzen, obwohl sie doch sooo simpel erscheinen. Und das, obwohl man vielleicht nicht so eine destruktive Vorgeschichte hat wie die Menschen, die es nicht einmal schaffen zu einem Termin mit ihren Kindern zu kommen, die es nicht schaffen den eigenen Alltag zu organisieren weil ihnen ganz elementare Teile in ihrem Inneren dafür fehlten oder verloren gingen.
    Ich verstehe deinen Ärger sehr gut. In sozialen Medien ist es aber schwer, Menschen zu einem anderen Erkenntnis zu bringen, dafür ist das einfach seltenst der Raum. Von daher hast du dich mit dem Abbruch des Kontakt hier für deinen Seelenfrieden sicherlich richtig entschieden.

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für diese Worte, die genau ausdrücken, was ich mit meinem Text gemeint habe. Ich frage mich manchmal, woher einige Menschen ihr Selbstbewusstsein nehmen zu glauben, Entscheidungen für die gesamte Menschheit treffen zu dürfen. Ich diskutiere schon lange nicht mehr im Internet, eben aus den von dir genannten Gründen. Manchmal poste ich eine Gegendarstellung zu Themen (wenn ich das Geschriebene einfach garnicht so stehen lassen kann), aber nicht weil ich mit irgendjemand diskutieren möchte, sondern ausschließlich, damit stille Mitlesende auch noch andere Meinungen mitbekommen und nicht glauben der ganze rechte und menschenverachtende Bullshit sei Konsens…

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