Dieses Community-Ding

Der heutige Blogbeitrag behandelt ein Herzensthema von mir. Eines, zu dem ich eine sehr deutliche Meinung habe. Eine Meinung, die auch von allen Studien die ich zum Thema kenne so vertreten wird. Obwohl ich also weiß, dass ich mit meiner Position nicht alleine da stehe, bekomme ich Gegenwind. Ok, Unbelehrbare gibt’s immer, könnte mensch da nun sagen. So leicht ist es aber nicht, denn der Gegenwind kommt oft aus den vermeintlich eigenen Reihen und das trifft mich doch jedes Mal auf ein Neues und lässt mich nachdenken und auch ein bisschen böse werden… Nun aber von Anfang an:

Meine Frau* und ich stecken gerade in der Gründung einer ‚Regenbogenfamiliengruppe‘ in Zusammenarbeit mit einem queeren Zentrum hier vor Ort. Wir waren selbstverständlich nicht die ersten homosexuellen Eltern die auf eine solche Idee kamen. Unter dem Namen ILSE (Initiative lesbisches und schwuler Eltern) gibt es unter der Schirmherrschaft des LSVD (Lesben-und Schwulenverband Deutschland) viele solcher Gruppen in ganz Deutschland. Auch in unserer Stadt gab es eine ILSE-Gruppe, doch diese wurde vor einigen Jahren wegen mangelndem Interesse eingestellt. Tja, und da fängt der Kummer für mich schon an. In meinen Augen ist der Nutzen einer solchen Gruppe nämlich unbestritten.

Sie kann…

1. …als Erstanlaufstelle für nicht heterosexuelle Menschen mit Kinderwunsch dienen und hier zu den unterschiedlichen Möglichkeiten der Erfüllung des Wunsches informieren.

2. …bei rechtlichen und organisatorischen Themen während der Schwangerschaft, Bewegung als Pflegeeltern, etc. Auskunft geben (z.B. Ablauf der Stiefkindadoption bzw. der Bewerbung als Pflegeeltern, Erfahrungswerte zu nicht homophoben Ärzt*innen, etc.).

3. … für Kinder in Regenbogenfamilien eine wertvolle Zugehörigkeits-Erfahrung bieten.

4. … eine Plattform zur gegenseitigen Stärkung und Information sein (z.B. bei Diskriminierungserfahrungen, bei der Suche nach inklusiven Medien, etc.).

5. … Sichtbarkeit für Regenbogenfamilien nach Außen schaffen und so ein politisches Statement setzen.

Bestimmt könnte diese Liste noch weiter geführt werden, aber das ist an dieser Stelle gar nicht nötig, denn dieser Artikel soll nicht vom (in meinen Augen) unbestrittenen nutzen solcher Gruppen handeln, sondern von den Reaktionen die ich teilweise auf die Idee der Gründung einer solchen bekam und dabei spreche ich nicht von den Reaktionen von Rechten, Fundamentalist*innen, oder irgendwie anders homophonen Menschen.

Meine Frau* und ich kennen hier in der Gegend kaum eine Regenbogenfamilie persönlich. Lediglich über das Internet habe ich Kontakt zu dem ein oder anderen Elternteil. Aus dem Wunsch der Vernetzung fuhren wir zu Beginn unserer Kinderwunschzeit eine Stunde bis in die nächste Stadt, um am Treffen der ILSE-Gruppe dort teilzunehmen. Auf die Dauer und mit Kind ist das für uns aber keine Option. So entstand die Idee mit der Gruppenneugeündung und seit diese durch das queere Zentrum vor Ort abgesegnet ist, strecke ich ab und zu meine Fühler zur Akquise aus. In diesem Zusammenhang habe ich beispielsweise letztens ein junges Frauenpaar mit Baby hier aus der Gegend über Instsgram angesprochen, doch mit der deutlichen Gegenwehr die darauf folgte, hatte ich so nicht gerechnet. Ich bekam zu verstehen, dass besagtes Paar eine solche Gruppe als ziemlich sinnlos begreift, da sie eine völlig ’normale‘ Familie seien, noch nie Diskriminierung erfahren hätten und daher auch die Meinung vertreten, dass solche Gruppen mehr separieren als nützen. Sie seien der Meinung, dass ausschließlich das Vorleben und integrieren zu Akzeptanz führe und solche Gruppen schlussendlich aktiv daran Schuld tragen, wenn Homosexualität noch immer als etwas ‚Besonderes‘ gelte. Das Wort ’normal‘ kam dabei mindestens fünf Mal in ihrer kurzen Ausführung vor.

Nun könnte mensch sagen: ‚Ok, mit einer doofen Reaktion muss mensch rechnen.‘, aber genau hier liegt das Problem. Ich glaube leider, dass besagtes Pärchen eben nicht alleine dasteht mit ihrer Meinung. Auch die Tatsache, dass die ILSE-Gruppe hier vor einigen Jahren aufgelöst werden musste, zeigt durchaus, dass wir mit unserer Meinung eher einer Minderheit angehören, denn Regenbogenfamilien dürfte es hier und im Umland durchaus einige geben. Versteht mich nicht falsch. Mir ist durchaus bewusst, dass es genug Regenbogenfamilien da draußen gibt, die erst einmal meine Meinung teilen aber aus anderen Gründen nicht an einer solchen Gruppe teilnehmen (z.B. keine Zeit, Kinder schon groß, zu weit weg, etc.). Das ist selbstverständlich total legitim. Ich merke nur immer mehr (und auch nicht nur in Bezug auf Regenbogenfamilien), dass sich unter nicht heterosexuellen Menschen allgemein und somit auch bei Regenbogenfamilien so ein Gefühl a la ‚Wir haben doch alles erreicht. Es ist doch alles gut inzwischen. Was wollt ihr denn noch mehr?‘ einstellt (Analog übrigens auch unter Frauen bei Sexismusthemen zu beobachten).

Ich persönlich empfinde das als höchst falsch und auch gefährlich. Selbstverständlich haben ‚wir‘ schon viel erreicht und das Totschlagargument, dass vor 50 Jahren alles noch viel schlechter war, stimmt auch, aber dennoch sind wir noch meilenweit weg von einer inklusiven Gesellschaft. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal auf das Wort ‚Normalität‘ Bezug nehmen. Das oben beschriebene Pärchen bezeichnete sich als normal und meinte damit (höchstwahrscheinlich), dass sie sich als Regenbogenfamilie bis auf das Geschlecht der Eltern nicht von heterosexuellen Familien unterscheiden. Da frage ich mich doch, ob wir dafür gekämpft haben? War es wirklich unser Ziel unser Leben so weit als möglich der gängigen Norm anzupassen und so vielleicht irgendwann in dieser nicht mehr aufzufallen? Selbstverständlich kann ich als lesbische Frau monogam mit meiner Partnerin zusammenleben, arbeiten gehen, ein Haus bauen und am Wochenende im Garten arbeiten, wenn ich das möchte. Da spricht überhaupt nichts dagegen. Es mag auch sein, dass eine solche Form von Regenbogenfamilie (je nach Wohnort und persönlicher Einbindung) wenig Diskriminierung erlebt, aber wenn mensch genau hin guckt ist sie eben doch da. (In diesem Zusammenhang besonders interessant ist vielleicht, dass ich diese Art von Aussagen bis jetzt nur von recht gut sittuierten und gesellschaftlich fest eingebundenen Personen gehört habe.) Ich habe meinen Kampf für die Anerkennung nicht heteronormer Lebensformen aber immer anders verstanden und bei der Anerkennung von Trans-Eltern, Co-Parrenting, geschiedenen Frauen- und Männerpaaren, etc. sieht es noch sehr düster aus. Ich verstehe nicht, wie andere queere Menschen ernsthaft der Meinung sein können, dass wir der Welt ’nur‘ zeigen müssten wie ’normal‘ wir sind und alle Probleme würden sich damit auflösen. Abgesehen davon, dass dies seit dem Altertum so nicht funktioniert, kann es doch auch nicht wirklich erstrebenswert sein, sich immer nur zu ducken und still zu halten, oder?

Vielleicht ist diese These etwas weit hergeholt, aber in meinen Augen wird hier eine der negativen Seiten der Individualisierung der letzten Jahre deutlich. Probleme können nicht mehr als kollektive Diskriminierungen betrachtet werden, sondern nur noch als Versagen von Einzelpersonen. ‚Wenn ich als lesbisches Mutter keine Diskriminierung bewusst erlebe und die da drüben schon, dann muss das doch an ihr liegen!‘ Sich selbst einzugestehen, dass mensch diskriminiert wird (und oft auch selbst alltags-diskriminierend ist) kommt damit einem gefühlten Kontrollverlust über das eigene Leben gleich, denn plötzlich liegt es nicht mehr in der Macht eines Menschen selbst was geschieht. Der harte Kampf in unserer Gesellschaft um Ansehen und schlussendlich auch darum als ’normal‘ angesehen zu werden, spricht Fähigkeiten wie Empathie und Perspektivübernahme immer mehr ihre Daseinsberechtigung ab. Jeglicher Kampf gegen gesellschaftliche Normen kann in einer solchen Gesellschaft als persönlicher Angriff gewertet werden (z.B. die Bitte eines schwulen Vaters im Kindergarten auch Kinderbücher mit unterschiedlichen Familienkonstellationen zu zeigen wird sofort als Angriff auf die Fachlichkeit der Erzieher*innen gelesen und damit abgewiesen, dass in der Einrichtung alle absolut tolerant sind und so etwas deshalb nicht nötig sei). Eine Regenbogenelterngruppe würde in so einem Meinungsbild nicht nur die eigene Handlungsmacht (zugunsten des Eingeständnises einer diskriminierenden Gesellschaft) in Frage stellen, sondern gleichzeitig als querulant und damit ’normalitätsschadend‘ betrachtet.

Der informelle Ausgangspunkt einer Regenbogenfamiliengruppe setzt kollektive Diskriminierungserfahrungen voraus. Damit ist auch klar, warum wir aus den vermeintlich eigenen Reihen schon einige Male solches Kontra bekommen haben. Dennoch hoffe ich sehr, durch unsere Gruppe endlich auch Familien kennen zu lernen, die unseren Kampfgeist teilen…

Wünscht uns Glück!

6 Kommentare zu „Dieses Community-Ding

  1. Besonders lustig ist in diesem Zusammenhang übrigens, wenn Regenbogenfamilien, die gerade mitten in der furchtbar unnötigen Stiefkindadoption stecken, oder diese zumindest in naher Zukunft machen müssen, steif und fest behaupten dass sie nicht diskriminiert werden. Dass sie – im Gegensatz zu Heterosexuellen – erstmal beweisen müssen, dass das Kind welches IN DIE BESTEHENDE BEZIEHUNG hinein geboren wird, es auch gut genug hat, um zwei Elternteile zu rechtfertigen, das ist dann plötzlich keine systemische Diskriminierung, sondern wird als persönliches Problem abgetan. Besonders beliebt mit der Aussage, dass es halt „lediglich ein paar Hürden mehr beim Kinderwunsch gibt“, gerne auch gekoppelt mit dem beinahe schon nach Schuldeingeständnis klingendem „es ist halt doch einfach keine alltägliche Situation“. Doch. Ist es. Du wirst gerade diskriminiert, willkommen im Club.

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  2. Guten Morgen,

    was für eine frustrierende Angelegenheit. Und du liegst richtig: Auch das Instragram-Pärchen wird diskriminiert, auch wenn es das nicht wahr haben will.
    Wir (auch ein Frauenpaar, drei Kinder) besuchen fast jedes Treffen unserer lokalen Gruppe und schätzen den Wert sehr.
    Meine Liste:
    1. Safe-Space: Wir und vor allem unsere Kinder haben mehrere Stunden totale Normalität, dass sie und andere zwei Mütter haben (leider tauchen da nur selten Männer auf, meist bekannte Spender der Frauenpaare, aber keine schwulen Paare). Da sind sie einmal nicht besonders, sondern normal.
    2. Wir konnten uns zur Stiefkinddoption schlau machen, als wir den Weg das erste Mal gegangen sind und geben und selbst unsere Erfahrungen weiter.
    3. Zu Insemination usw. können wir unsere Erfahrungen weitergeben (wir sind da schon schwanger aufgetaucht und hatten in dem Falle keinen Aufklärungsbedarf).
    4. Es hat manchmal auch etwas selbsthilfegruppenartiges: Wir erleben ja immer wieder Momente der Diskriminierung (ganz oft bei Ärzten* oder leider auch in der Herkunftsfamilie) und da tut es gut, wenn man sich mal auskotzen kann.
    5. Wir warnen uns gegenseitig vor lbtgfeindlichen Ärzten* u.ä.
    6. Es ist auch eine Krabbelgruppe ohne die Dauerthemen, die einem sonst immer begegnen: „Oh no, mein Mann räumt seine Socken nicht weg.“ oder „Wie werde ich zwei Wochen nach Entbindung wieder schmal?“
    7. Diese Wettbewerbe finden kaum statt: „Also mein XY war schon mit drei Wochen trocken.“ (Wobei diese Autoquartett-Muttis da auch hin und wieder vertreten sind.)

    Insgesamt kann man sagen, dass es einfach seltene Stunden sind, in denen man auch mal Ecken und Kanten haben darf. Sonst müssen wir ja immer perfekte Eltern sein.

    Kommt doch mal vorbei und fragt die Gruppenleiterinnen aus! Kontakt via Mail.

    Bleibt dran, es ist eine gute Sache.

    Liebe Grüße
    Anna

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    1. Hallo 🙂 Ich danke dir für diesen etlichen Bericht und ich hoffe sehr, dass unsere Gruppe einer von diesen Orten werden kann, den du beschreibst. Ein Aspekt den ich oben noch nicht so beschrieben hatte sind auch die Kinder der Paare die glauben nicht diskriminiert zu werden. Irgendwann werden sie Diskriminierung erfahren und dann? Werden dann die Eltern immernoch sagen, dass es sowas nicht gibt und dass sich ihr Kind ‚eben durchsetzen muss‘? Naja… Ich wünsche euch einen schönen Tag! Liebe Grüße!

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  3. Ich wünsche Euch viel Erfolg und bin voll auf deiner Linie. Nur weil jemand vielleicht nicht individuelle Diskriminierungserfahrungen macht, heißt es ja auch nicht dass es die strukturelle Diskriminierung nicht gibt.

    Und wenn ich dieses „normal“ schon lese, wird mir ganz übel. Das ist doch im Ergebnis, wie du schreibst, oft nur eine möglichst starke Anpassung an das, was cis/heteronormativ normalisiert ist. Es steht jede*r frei, so zu leben, wenn sie*r damit glücklich und erfüllt ist. Aber anzunehmen, dass alle so leben können/wollen/müssen ist nicht okay.

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    1. Hallo Tomi 🙂 Ich freue mich immer so arg von dir zu lesen! Ich glaube die Frage ist die nach der Ausgangsposition… Es gibt leider genug Lesben und Schwule (und Transpersonen) die für sich selbst diese Unterordnung unter die heteronorme Matrix als Ziel definieren. In diesen denken sind dann alle anderen queeren Personen die sich nicht anpassen wollen/können ein Dorn im Auge, der die eigene ‚Normalität‘ zerstört und Schuld dran ist, wenn ’normale Menschen‘ generell doof von nicht heterosexuellen Menschen denken. Ich glaube du weißt was ich meine… Umso glücklicher macht es mich hier (und auch real) so viele Menschen zu kennen, die mein plurales Verständnis teilen! Danke dafür!

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  4. Ich find das als kinderloser Hetero extrem interessant zu lesen! Für mich als nicht-diskriminierte Person (weil ich ja „normal“ bin) kann ich ein bißchen das „Heile-Welt-Gefühl-Haben-Wollen“ verstehen – wir sind akzeptiert, alles ist gut, macht doch nicht so ein Faß auf! Daß es eben doch oft genug nicht so ist, bekomme ich als Hetero natürlich nicht mit (ich leb ja auch in meiner eigenen „Homosexuelle sind ganz normale Menschen, mir doch egal, wer wen liebt“-Akzeptanz-Blase und seh daher bestimmt manche Dinge auch eher rosarot). Daher finde ich solche Artikel umso wichtiger! Bitte macht weiter mit der Gruppe, auch für eine Signalwirkung an uns Heteros, die wir (ob gewollt oder nicht) diskriminieren!

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