Hin und zurück

Am Mittwoch, den 06.03.2019 war es so weit – wir lernten die leibliche Mutter* der Hummel kennen, damit ein Erziehungsfähigkeitsgutachten erstellt werdenn kann. Aus Gründen der Privatsphäre werde ich hier nichts zu ihrer Geschichte schreiben. Ich denke das versteht ihr. Dennoch möchte ich den Termin als solchen dokumentieren. Also los:

Unser Tag begann damit, dass die Hummel wieder einmal vor 06:00 Uhr wach wurde. Ich ließ das Hannibaellchen noch ein wenig dösen und machte die Hummel ausgehfertig. Anschließend werkelten wir noch im Haushalt, schließlich sollte es nach dem Umgansgkontakt noch ein Gespräch mit der Gutachterin* bei uns Zuhause geben. Gegen 08:00 Uhr fuhren wir endlich los, denn die JVA in welcher die leibliche Mutter* derzeit lebt, ist fast zwei Stunden entfernt. Die Fahrt war wie erwartet eine Tortur, schließlich hatten wir eine sehr ausgeruhte Hummel im Gepäck die garnicht verstehen konnte, warum sie jetzt so lange fest angeschnallt im MaxiCosi verbringen musste. Sie tobte und schrie und ließ sich zeitweise überhaupt nicht beruhigen. In jeder anderen Situation hätten wir eine Fahrpause gemacht, aber mit dem Termin im Nacken war das leider nicht möglich. So erreichten wir zumindest pünktlich unser Ziel. Dort packte ich die Hummel in die Trage in der Hoffnung, dass sie sich dadurch in der ungewohnten Situation etwas geborgen fühlen würde. Wie vereinbart, wartete die Gutachterin* bereits vor der JVA auf uns. Wir betraten gemeinsam das Gebäude, mussten unsere Ausweise abgeben und sämtliche mitgebrachten Gegenstände in einen Spint sperren. Auch die Wickeltasche, die Decke und die Spielsachen durften wir nicht mit hinein nehmen, aber zumindest hatte niemand etwas gegen die Trage der Hummel. Anschließend mussten wir durch einen Metalldetektor laufen. Auf der anderen Seite gab es ein Wartezimmer, in dem wir aber nur wenige Augenblicke verbrachten, bevor uns eine Polizistin* abholte und in den Raum für den Umgangskontakt brachte. Dieser war zwar recht klein, sonst aber ok. Es gab dort einen Tisch, vier Stühle und ein Regal voller Spielzeug. Kurz darauf bekamen wir doch noch eine Wickeltasche (mit trockenen Feuchttüchern und einer einzigen passenden Windel).

Noch bevor ich die Hummel aus der Trage nehmen konnte, wurde bereits ihre leibliche Mutter* in das Zimmer gebracht. Ich weiß nicht, ob ich sie mir anders vorgestellt hatte, oder nicht. Sie ist auf jeden Fall kein Mensch, den ich als unsympatisch oder gar böse beschreiben würde. Eher unsicher, unbeholfen, vielleicht etwas naiv, kindlich… Hätte ich sie auf der Straße getroffen, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass sie schon längst volljährig ist und vier Kinder hat. Ich bemerkte ihre Freude, als sie die Hummel das erste Mal sah. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie nämlich noch nicht einmal Bilder von dieser gesehen, obwohl sie durchaus ein Recht dazu hätte (Plottwist: Es scheitert nicht an uns.). Gegenüber uns war sie nicht ablehnend, aber anfänglich etwas verhalten. Wohl verständlich… Auch gegenüber der Hummel war sie sehr scheu. Die Gutachterin* teilte uns mit, dass es wohl besser sei, wenn das Hummelchen anfänglich noch beim Hannibaellchen oder bei mir bleiben würde und die leibliche Mutter* sich langsam nähern solle. Außerdem würde sie die gesamte Situation filmen. Das klappte auch recht gut. Die Hummel war trotz der schrecklichen Autofahrt relativ gut drauf und lächelte viel. Ich versuchte die Situation so freundlich wie möglich zu gestalten, setzte mich auf den Stuhl neben die Mutter und erzählte ein wenig über die letzten sechs Monate. Die Hummel interessierte sich auch durchaus für diesen fremden Menschen der da neben ihr saß. Es zeigte sich jedoch schnell, dass die leibliche Mutter* nicht wusste, wie sie mit dieser Neugier umgehen sollte. Zumindest versuchte sie nicht wirklich in Interaktion mit der Hummel zu treten. Irgendwann übergab ich sie ihr und sie wiegt diese sehr unbeholfen im Arm (so wie mensch evtl. ein Neugeborenes schunkeln würde, die Hummel ist aber nunmal fast sieben Monate). Wie zu erwarten quittierte die Hummel das Verhalten sofort mit ein wenig Gejammer, worauf die leibliche Mutter nicht einging. Ich suchte daher schnell ein Spielzeug aus dem Regal und rasselte ein wenig. Kurzzeitig konnte ich sie so ablenken, aber auch dieses Spiel wurde schnell langweilig, und da die leibliche Mutter keine Anstalten machte die Hummel anderweitig zu beschäftigen, schlug ich vor sie auf die Decke auf den Boden zu legen, damit sie etwas kullern und strampeln konnte. Die leibliche Mutter* und ich setzten uns daneben und die Hummel war soweit zufrieden. Wir spielten mit weiteren Gegenständen aus dem Regal, wobei die leibliche Mutter* auch hier sehr zurückhaltend blieb. Irgendwann wies mich die Gutachterin* an sie Situation zu verlassen und so stellte ich mich in einiger Entfernung zum Hannibaellchen. Die Hummel fing leider sehr schnell an zu brüllen und auch damit war die leibliche Mutter erneut überfordert. Sobald ich die Hummel auf Geheiß der Gutachterin* wieder hochnahm, war das Jammern vorbei. Die Frage der Gutachterin*, ob die Hummel zuhause länger zufrieden auf auf den Boden spielen würde, bejaten wir.

Die Hummel hatte zu diesem Zeitpunkt seit dem Morgen nichts mehr getrunken und so bereiteten wir eine Flasche zu, die anschließen von der leiblichen Mutter* gegeben werden sollte. Diese hielt die Flasche aber viel zu niedrig, so dass keine Milch in den Sauger lief und verärgerte die Hummel damit. Diese steigerte sich in ihr schreiben hinein und konnte nur durch uns wider beruhigt werden. Die Gutachterin* entschied daraufhin, dass die Hummel auf meinem Arm bleiben solle. Ich sang der Hummel ihre Lieblingsreime vor, aber die liebliche Mutter* sang nicht mit und meinte auf Nachfrage, dass die selbst auch keine Reime kenne. Auch die anderen Fragen der Gutachterin (Was würden Sie jetzt gerne tun? Wie wünschen Sie sich die Zukunft? Was wollen Sie Ihrer Tochter* sagen?) wurde mir Achselzucken, oder ‚Weiß nicht‘ beantwortet.

Nach einer guten Stunde war der Kontakt zu Ende. Die leibliche Mutter* hat uns in der ganzen Zeit keine einzige Frage gestellt. Die Gutachterin* meinte noch zu ihr, dass so ein erster Umgang bestimmt schwierig sei und sie das gut gemacht hätte, dann wurde diese auch schon aus dem Zimmer geführt. Kurz darauf durften auch wir gehen. Noch beim Herausgehen lobte und die Gutachterin* dafür, dass wir so offen auf die leibliche Mutter zugegangen seien und sie immer wieder eingebunden hätten. Dann holten wir unsere Sachen aus dem Spint und verabredeten und für in zwei Stunden bei uns zuhause.

Auch auf der Heimfahrt schrie die Hummel, aber erst nachdem sie endlich etwas getrunken und eine Stunde geschlafen hatte. Zuhause angekommen legten wir sie im Esszimmer auf ihre Decke und setzen und zu ihr. Während der gesamten Gesprächszeit mit der Gutachterin* spielten wir dort mit der Hummel und sie war sichtlich froh über die gewohnte Umgebung. Schnell ließ die Gutachterin* durchblicken, dass auch sie das Verhalten der leiblichen Mutter* als sehr zurückhaltend wahrgenommen hatte. Wir berichteten davon, dass auch die Umgänge mit den anderen Kindern auf ähnliche Weise abliefern und waren schockiert darüber, dass die Gutachterin* bis zu diesem Zeitpunkt wohl noch nichts von den Geschwistern, oder überhaupt den Hintergründen der Inobhutnahme wusste. Das hängt, wie wir erfuhren, damit zusammen, dass sie lediglich für die Begutachtung das Umgangskontakts zuständig ist und ihre Eindrücke anschließend einem anderen Gutachter* übermittelt, der dann das Gesamtgutachten verfasst. Das heißt mit anderen Worten, dass der wichtige Gutachter* die Hummel nie sehen wird und auch den Umgang zwischen ihr und der leiblichen Mutter* nur anhand der Aussagen Dritter kennt. Wir empfinden das als höchst unprofessionell, aber haben ja nichts mitzureden…

Anschließend stellte sie* uns einige Fragen über die Anfangszeit mit der Hummel, ihren Charakter, was sie mag und was nicht, was schwierig mit ihr ist, wie ihr Tagesablauf aussieht, usw. Besonderes Interesse hatte die Gutachterin* an allen nachgeburtlichen Auffälligkeiten. Wir versuchten so wahrheitsgemäßig wie möglich zu antworten. So berichteten wir davon, dass es zwar keine Auffälligkeiten in Richtung Drogen-, oder Alkoholentzugserscheinungen gibt, aber die Hummel vor allem in den ersten Monaten massive Schreiattacken hatte. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Abende, in denen sie stundenlang schrie und nichts sie beruhigen konnte. Auch war sie von Beginn an an der unteren Norm was Größe und Gewicht betraf und auch bezüglich ihrer motorischen Entwicklung hängt sie ein wenig hinterher. Das sind alles keine massiven Probleme, aber durchaus erwähnenswert. Die Gutachterin* scheint großen Wert auf Urvertrauen und frühkindliche Bindung zu legen (was leider nicht so selbstverständlich ist, wie es sein sollte) und vermittelte uns durchaus den Eindruck, als sei sie zufrieden mit dem, was sie da bei uns sah. Sie fragte direkt, ob das Pflegeverhältnis von unserer Seite auf Dauer angelegt sei und ob wir schon immer Kinder haben wollten. Das ist bezüglich eines Gutachtens leier eine knifflige Frage, denn selbstverständlich ist unsere uneingeschränkte Antwort „JA“. Leider wird ein zu deutliches Ja manchmal negativ für die Pflegefamilien ausgelegt, indem die gutachtenden Personen daraus ein – „Es geht der Familie garnicht um die Bedürfnisse des Kindes, sondern nur um ihre eigene Familienplanung!“ – machen. Alles leider schon erlebt… Dementsprechend machten wir an dieser Stelle deutlich, dass wir uns bewusst für die Aufnahme eines Pflegekindes entschieden haben mit dem Wissen um alle Nachteile. Wir erklärten, dass die Hummel selbstverständlich wie unsere Tochter* bei uns aufwachsen würde und wir alles andere gegenüber diesem kleinen Wesen als ungerecht empfinden. Sie hat es verdient in jedem Monat ihres Lebens vollständig angenommen zu sein und wir deshalb nicht aufgrund eventueller in der Zukunft liegender Veränderungen eine emotionale Mauer zwischen ihr uns uns bauen würden. Die Frage, ob eine Aufnahme weiterer Pflegekinder geplant ist, bejaten wir. Anschließend ließ sich die Gutachterin* das U-Heft und Fotos der letzten sechs Monate zeigen. Irgendwann fragte sie uns, ob wir uns Sorgen um das Hummelchen machen würden und auch das ist wieder eine dieser gemeinen Fragen. Das Hannibaellchen antwortete zuerst sehr weitläufig und meinte, dass sie sich selbstverständlch Sorgen machen würde, wenn die Hummel krank sei, oder ähnliches. Auch hier ist es nämlich leicht möglich, dass Aussagen anders interpretiert werden, als sie gemeint sind. Ein „Ich habe Angst, dass sie wieder wegkommt!“ wird da schnell zu einem „Die Pflegefamilie klammert arg und schätzt die Herkunftsfamilie nicht!“. Aus diesem Grund formulierte ich meine Angst diesbezüglich um. Ich habe davor Angst, dass das Hummelchen als Versuchsprojekt missbraucht wird. Ich habe Angst davor, dass das Gericht die Vorerfahrungen mit der leiblichen Mutter zu wenig in ihr Urteil miteinbezieht. Ich habe Angst davor, dass das Urvertrauen der Hummel zerstört werden könnte. Tatsächlich stieß ich bei der Gutachterin* diesbezüglich auf Verständnis. Sie meinte sogar, dass es in unserem Fall doch sehr deutlich sei und wir uns keine Gedanken machen müssten.

Gegen 14:30 Uhr war der Termin beendeten. Die Hummel und wir waren total erschöpft und ließen den restlichen Tag ruhig angehen. Grundsätzlich hatten wir ein gutes Gefühl im Umgang mit der Gutachterin*, aber leider schreibt diese ja nicht das Gesamtgutachten. Wir müssen also erneut warten… Heute, eine Woche später, kommt die zuständige Sozialpädagogin vom Pflegekinderdienst um den Termin mit uns Nachzubesprechen. Das ist uns auch sehr wichtig. Nächste Woche am Mittwoch lernen wir dann die Vertretung unserer Vormündin* kennen, denn die Eigentliche ist weiterhin krankgeschrieben. Ich bezweifel gerade irgendwie, dass sie überhaupt wiederkommen wird… Und so sind unsere Wochen weiterhin voll mit Terminen. Es vergehen derzeit kaum zwei Wochen ohne. Die Gespräche selbst sind ja immer ganz nett… wenn nicht das ständige Aufräumen wäre 😉 Naja, ich halte euch auf jeden Fall auf dem Laufenden.

Liebe Grüße!

4 Kommentare zu „Hin und zurück

  1. Das klingt alles zwar extrem stressig aber immerhin sieht es doch echt gut aus für euch bzw. für die Hummel.
    Sie* hat da echt großes Glück mit euch.

    Erschreckend worauf beim Antworten so geachtet werden muss. Umso mehr gefallen mir aber eure Antworten.

    Ich drücke weiterhin die Daumen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich finde es sehr spannend, wie du von eurem Pflegekind berichtest. Wir selber sind ja auch am überlegen, ob Adoption oder ein Dauer-PK das richtige für uns wäre.
    Wenn ich mir den ersten Kontakt mit der LM so ansehe, weiss ich nicht, ob ich so ruhig geblieben wäre. Das Kind einfach so einer fremden Frau zu überlassen und ein Stück wegzugehen, obwohl es dem Kind deutlich nicht gefällt – schwierig. Die Gratwanderung zwischen „Herkunftsfamilie achten“ und „Gefühle des Kindes achten“ ist da echt heikel…

    Eine andere Frage beschäftigt mich schon länger (für uns persönlich): Wie lasst ihr das Kind euch anreden? Mama oder Mami oder mit den Vornamen? Die Hummel soll ja auf Dauer bei euch bleiben, trotzdem hat sie ja eine „echte“ Mama, zu der es auch Kontakt weiterhin geben soll. Ich wüsste grad noch nicht, was ich da machen würde.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo 🙂
      Ja, der Kontakt war schwierig. Wir haben bewusst versucht so positiv wie möglich auf die leibliche Mutter zuzugehen, nicht weil wir das für wichtig für die Hummel erachten, sondern aus pragmatischen Gründen. Es war eine Gutachterin dabei, die es vermutlich sofort vermerkt hätte, wenn wir uns „ablehnender“ verhalten hätten.
      Selbstverständlich sind wir die Mamas der Hummel. Selbst wenn sie ihre leibliche Mutter häufiger sehen wird (was im Moment wirklich noch in den Sternen steht), wird diese immer nur ein Gast in ihrem leben sein. Wie uns die Hummel genau ansprechen soll, möchten wir ihr selbst überlassen. Ich bin guter Dinge, dass sie uns kreative Namen geben wird, die sie für richtig erachtet 🙂 Sollte es tatsächlich häufigere Besuchskontakte geben und die Hummel das Bedürfnis haben auch ihre leibliche Mutter „Mama“ zu nennen, ist der Begriff „Bauchmama“ weit verbreitet. Ich kann es mir allerdings eher nicht vorstellen, dass das passieren wird. Eher ist davon auszugehen, dass ihre Mutter irgendwann in der Versenkung verschwindet und nicht mehr auffindbar ist. Bei den leiblichen Schwestern der Hummel hat schon über ein Jahr kein Besuchskontakt mehr stattgefunden, weil die leibliche Mutter es nicht auf die Reihe bekommt…
      Ich hoffe, ich konnte deine Fragen ein bisschen klären 🙂 Ich persönlich würde es immer wieder so machen. Das Hummelchen ist unser größtes Geschenk. Ja, als Pflegeeltern kommen zu den „normalen“ Familiensorgen noch viele weitere hinzu. Darüber sollte mensch sich bewusst sein und sich auch zutrauen diese so weit als möglich von sich weg zu schieben (sonst wird mensch nicht glücklich), aber rein faktisch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich etwas passiert sehr gering. In Deutschland werden beispielsweise nur 3% der für Dauer in Pflegefamilien untergebrachten Kinder rückgeführt zu ihren Herkunftsfamilien. Das versuchen wir uns immer wieder bewusst zu machen…

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