Ängste einer Pflegefamilie

‚Ihre größte Macht besteht darin, dass Sie das Pflegeverhältnis jeder Zeit beenden können!‘

Dieser Satz fiel bei einem Anwalt* am Montag den 25.02.2019 und zwar sogar mehrmals. Dieser Anwalt* ist spezialisiert auf Pflegekinderrecht. Davon gibt es nicht viele in Deutschland, aber wir haben Glück und er* hat seine Kanzlei bei uns in der Nähe. Eigentlich wollten wir uns nur beraten lassen. Wir haben keine Rechtsschutzversicherung (und selbst wenn, würde diese Pflegekinderrecht eh nicht abdecken) und wir hatten gehofft aus finanziellen Gründen um diesen Schritt herumzukommen. Nun wird er doch in unserem Namen tätig, aber die Geschichte fängt früher an…

Bis vor wenigen Tagen gab es nichts Neues in Sachen Gerichtsentscheid. Alle Beteiligten wussten zwar, dass ein Erziehungsfähigkeitsgutachten der leiblichen Mutter gemacht werden soll, aber diesbezüglich war noch kein*e Gutachter*in benannt und so erschien der April als Abgabedatum des Gutachtens irgendwie haltlos. Irgendwann Ende vorletzte oder Anfang letzter Woche bekamen wir dann einen Anruf und zwar von der Vertretung der Vertretung der Vormündin* der Hummel. Wir erfuhren, dass die Vormündin* voraussichtlich bis März (mit Option auf Verlängerung) krank sei, wir aber dennoch darüber informiert werden müssten, dass nun ein Gutachter* bestellt sei und dieser sich mit uns in Verbindung setzen wird. Wir wussten ja bereits länger, dass dieser Augenblick kommen wird! Nun machte uns die Vorstellung aber doch Angst. Die Tatsache, dass unsere Hummel ein Pflegekind ist und ihr Aufenthalt bei uns damit nicht in unserem Machtbereich liegt, hatten wir lange Zeit gut verdrängt – bis jetzt. Nun kam die Angst also wieder…

Wir versuchten den Pflegekinderdienst (unsere parteilichen Ansprechpartner*innen in dieser Angelegenheit) zu erreichen und hinterließen eine Nachricht mit Bitte auf Rückruf auf dem Anrufbeantworter. Anschließend berichtete ich ein paar Bekannten von der neuen Situation. Eine sehr erfahrene Pflegemutter* gab mir den Tipp mit dem Anwalt*, ‚einfach nur zur eigenen Sicherheit‘ und ich vereinbarte einen Beratungstermin. Schon das Telefonat klang kompetent, etwas zu selbstüberzeugt in meinen Ohren, aber das ist vermutlich eine Berufskrankheit. Wir vereinbarten einen Termin.

Dann meldete sich der Gutachter* bei mir und unterbreitete zwei Terminvorschläge – Mittwoch oder Freitag in der Faschingswoche. Ich entschied mich für Mittwoch (mein lohnarbeitsfreier Tag) und erfuhr, dass wir noch von seiner Kollegin*, welche das Gutachten durchführen wird, angerufen werden bezüglich der genaueren Planung. Auch der Pflegekinderdienst hatte sich zwischenzeitlich bei uns gemeldet. Unsere dort zuständige Mitarbeiterin* wusste noch nichts von der Benennung des Gutachters* und wollte sich diesbezüglich beim ASD (Jugendamt) informieren. Am nächsten Tag meldete sich dann auch noch die bereits vorangekündigte Gutachterin*. Ich erfuhr, dass das Gutachten vollständig an einem Tag stattfinden solle. Zuerst würde eine Einschätzung zur Entwicklung der Hummel bei uns erfolgen, bevor wir gemeinsam in die zwei Stunden entfernte JVA zum ersten Umgangskontakt mit der leiblichen Mutter aufbrechen würden. Nach dem Telefonat sprachen das Hannibaellchen und echt recht lange. Wir konnten es einfach beide nicht glauben, dass:

1. Tatsächlich der erste Umgangskontakt zwischen der Hummel und ihrer Mutter der überhaupt stattfindet als Grundlage für das Gutachten genutzt werden sollte. Dieser

2. in der JVA zwei Stunden entfernt stattfindet und

3. die Hummel (und wir natürlich auch) an diesem Tag somit an die sieben oder acht Stunden am Stück belastet werden.

In diese fassungslose Stimmung fiel ein weiteres Telefonat und zwar das mit der Pflegekindstelle. Unsere Sachbearbeiterin (mit der wir ein sehr gutes Verhältnis haben) wirkte bemüht sachlich auf uns, als sie berichtete, dass sie den ASD über die Benennung des Gutachters* informieren musste, da die eigentlich noch zuständige Sozialpädagogin* den Fall an eine Kollegin* übergeben möchte, sich deshalb nicht mehr wirklich zuständig fühlt und den erhaltenen Brief zur Benennung des Gutachters* deshalb einfach übersehen hatte. Das bedeutet für uns also nicht nur den dritten Wechsel der Zuständigkeit innerhalb des ASD innerhalb eines halben Jahres, sonder auch, dass wir von dort gerade nicht mit dem größten Herzblut für unseren Fall zu rechnen haben und das obwohl die noch zuständigen Sozialpädagogin bei ihrem Hausbesuch vor zwei oder drei Monaten noch kämpferisch bestätigte, dass sie unseren Fall auf jeden Fall bis zum Ende des Gerichtsprozesses geleiten werde…

Die Zuständige* vom Pflegekinderdienst zeigte deutlich, wie unzufrieden sie mit den vorgehen und unseren Fall war. Normalerweise, so erklärte sie, erfahre der ASD zuerst von der Benennung, gebe diese Info an die Pflegekindstelle weiter und diese koordiniere anschließend die Terminfindung zwischen den Pflegeeltern und dem Gutachter*. Das dient dem Schutz der Pflegeeltern, für die diese Situation ja schon sehr belastet ist. Außerdem ist es Standard, dass die Gutachten unter Anwesenheit des Pflegekinderdienstes erfolgen. Tja, in unserem Fall lief es dann wohl etwas anders und das obwohl eine solche Begleitung gerade bei uns sinnvoll wäre, da die Zuständige des Pflegekinderdienst die einzige Person ist, die sowohl die leibliche Mutter als auch uns gut kennt. Die zuständige Sozialpädagogin fragte deshalb mehrmals, ob wir an dem besagten Termin festhalten wollen, da sie in der Faschingswoche leider im Urlaub ist und somit auf keinen Fall begleiten kann. Wir waren uns zu diesem Zeitpunkt noch recht sicher den Termin auch alleine zu stämmen und sie traute und das auch zu, schließlich seien wir ja ‚recht taff und könnten das aufgrund unsrer Ausbildung besser einschätzen als andere‘. Sie bekräftigte uns aber in unserem Wunsch den Termin zu zweit wahrzunehmen, um so Sicherheit und eine Zeugin* über den Vorgang an der eigenen Seite zu haben. Das Gespräch dauerte insgesamt recht lange und bestätigte uns in unserer Meinung über die geringe Sinnhaftigkeit des Gutachtens. Außerdem wuchs in uns die Wut über das falsche Vorgehen, das Desinteresse des ASD und die lange Zeit unbekannte Krankheit der Vormündin*. Wir verabredeten uns zu einem persönlichen Treffen nächsten Mittwoch, um noch einmal unser Verhalten und die Gesamtsituation des Gutachtens zu besprechen.

Am nächsten Tag erhielt ich dann eine SMS, dass die JVA nun für Freitag bezüglich eines Raumes angefragt wurde. Das Hannibaellchen rief sofort an und stellte richtig, dass bei uns wie vereinbart nur Mittwoch möglich sei. Die Gutachterin* behauptete, nichts von ’nur Mittwoch‘ gewusst zu haben und teilte mit, dass Mittwoch für die JVA unmöglich sei. Außerdem fragte sie das Hannibaellchen warum wir den unbedingt zu zweit zu diesem Termin erscheinen müssten, schließlich würden ja nicht wir begutachtet. Das Hannibaellchen ging nicht weiter auf diese Aussage ein, sondern beharrte auf die Terminverschiebung. Wenig später erhielt ich eine weitere SMS, dass Mittwoch auf keine Fall möglich sei, sie uns aber Dienstag oder Freitag anbieten könne. Mit einigen Terminverschiebungen konnte ich mir den Freitag freimachen, was wir dann an sie* zurückmeldeten, nur um zu erfahren, dass Freitag plötzlichen auch auf keinen Fall möglich sei. Nun teilte uns die Gutachterin* mit, dass das Gutachten dann wohl doch Mittwoch stattfinden müsse, jedoch zuerst der Umgang in der JVA am Vormittag und das Gespräch bei uns dann erst am Nachmittag möglich sei. Genervt von dem ganzen hin und her stimmten wir einfach nur noch zu. Zu diesen Zeitpunkt hätten wir wohl eigentlich eine Verschiebung des Termins auf einen späteren Zeitpunkt (und mit Anwesenheit des Pflegekinderdienstes) fordern sollen…

Wenige Tage später folgte nun das Beratungsgespräch beim Anwalt. Dieser hörte sich unsere Situation kurz an und machte dann sein Missfallen über das Vorgehen in unserem Fall deutlich. Wir erfuhren, dass wir als nicht-beteiligte Personen nicht verpflichtet sind irgendwelchen Anordnungen des Gerichts nachzukommen. Theoretisch könnten wir von der Vormündin* der Hummel verlangen diese bei uns abzuholen, zum Gutachtentermin zu fahren und anschließend wieder zu uns zu bringen. Theoretisch ist das so auch ganz nett zu wissen, praktisch werden wir unsere Tochter* aber selbstverständlich keine fünf Stunden bei ihr fremden Personen lassen. Da ist es fast zweitrangig, dass dieses Verhalten auch als Akt der fehlenden Mitwirkung und damit absolut gegen und als geeignete Pflegeeltern ausgelegt werden könnte. Der Anwalt* machte jedoch deutlich, wie sinnvoll eine Beteiligung am Gerichtsprozess für uns wäre. Bis vor Kurzem kam das leider noch nicht in Frage, da eine Beteiligung der Pflegeeltern am Verfahren erst ab einer gewissen Pflegedauer möglich ist. Auch jetzt ist es noch nicht sicher, dass das Gericht einem Antrag auf Beteiligung stattgibt. Der Anwalt* bekräftigte und jedoch in diesem Vorhaben. Er wird diesbezüglich ein Schreiben aufsetzen und außerdem Akteneinsicht in unseren Fall verlangen. Wie erfuhren außerdem, dass eine Rückführung zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Problem von Seiten des Gerichts darstellen würde, da diese davon ausgehen, dass feste Bindungen an (Pflege-)Eltern erst ab dem achten Lebensmonat eines Kindes überhaupt möglich seien… Übrigens war ihm der Name des Gutachters* geläufig. Sollte es wirklich der von ihm gemeinte sein, ist es nicht gut, denn besagte Person argumentiert sehr stark pro-Herkunftsfamilie und ist laut Anwalt* ‚ideologisch vereinnahmt‘ wenn es um leibliche Elternschaft geht. Na toll…

Derzeit ist die Stimmung bei mir dementsprechend sehr traurig. Ich habe so unendliche Angst um unsere Hummel. Ich kann es nicht fassen, dass eine Rückführung wirklich eine Option (und wenn auch nur für das Gericht) zu sein scheint bei der Vorgeschichte der leiblichen Mutter und nach über einem halben Jahr Aufenthalt bei uns. Auch bin ich unheimlich enttäuscht von all den Stellen, die im Gespräch immer soooo deutlich Position für den Verbleib der Hummel bei uns bezogen und nun alle (bis auf den Pflegekinderdienst) nicht greifbar sind. Ich fühle mich alleingelassen – gefühlsmäßig, aber auch mit den Termin die eigentlich nicht unsere sind. Und ich habe Angst, schreckliche Angst um unsere Tochter*. Heute kommt die Sozialpädagogin vom Pflegekinderdienst und ich hoffe, dass sie mich einmal mehr beruhigen kann und uns hilft unsere Zuversicht wiederzuerlangen.

Ich halte euch auf dem Laufenden…

6 Kommentare zu „Ängste einer Pflegefamilie

  1. Oh nein wie übel.
    Und einfach unfassbar, dass sich die Leute da plötzlich so rausziehen.
    Ich hoffe, dass der kinderpflegedienst euch etwas Mut machen konnte?
    Mit Bindung erst ab 8. Monat ist ja wohl der größte Quatsch den ich je gehört habe.
    Ich drücke ganz fest die Daumen für euch.

    Gefällt 1 Person

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