Kindeswohl und Kinderrechte über alles – über alles in der Welt!…?

Hallo ihr Lieben bienen-smilies-0007,

wir sind allso nach wie vor auf dem Weg eine Familie zu werden und glauben fest daran, dass ganz bald unser Hummelchen zur Tür hinein geflogen kommt und trotzdem werden sich die Themen dieses Blogs nun wohl ändern:

Die Beschaffenheit der Gebärmutterschleimhaut ist nicht mehr wichtig, wie der eigene Eisprung richtig bestimmt werden kann auch nicht mehr, es wird keine Fahrten nach Würzburg mehr geben und keine Spritzen. Stattdessen nehmen wir euch nun mit auf eine ebenso spannende und in vielerlei Hinsicht genauso frustrierende Reise. Heute wollen wir damit starten und zwar sozusagen mit den Grundlagen. Ein bisschen was dazu habe ich bereits in einem Blogeintrag im November 2017 erzählt. Heute möchte ich euch das Thema Kindeswohl gezielter vorstellen, denn die massive Schädigung des Kindeswohls ist die Grundvoraussetzung für die Herausnahme des Kindes aus der Herkunftsfamilie, welche wiederum in dem meisten Fällen den Startpunkt für ein Kinderpflegeverhältnis darstellt. Hier einen relativ gut recherchierten Beitrag zu verfassen fällt mir zum Glück leichter als beim ein oder anderen medizinischen Thema, da ich als Sozialpädagogin das Thema Kindeswohl und -gefährdung ausführlich im Studium behandelt habe (ich cheate also sozusagen ^^)

Also dann mal los:

Die Grundlage für alles, was in Deutschland mit Familie und Kindern zu tun hat ist erst einmal (wie in vielen Fällen) das Grundgestz. Hier heißt es im Artikel 6 Abs. 1 + 2:

(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

Artikel 1 lässt sich grob damit übersetzen, dass der Staat es sich zur generellen Aufgabe gemacht hat Familien zu fördern und zu unterstützen. Ausformungen davon sind beispielsweise die Existenz eines Ministeriums für Familie (Senioren, Frauen und Jugend), oder das Kindergeld und natürlich all die anderen Sonderregelungen für Eltern und Kinder. Darüber ob die derzeitigen Maßnahmen ausreichend sind und das System beispielsweise immernoch Sexismus stützt, lässt sich sehr lang diskutieren. Das soll aber nicht Inhalt dieses Blogposts werden.

Spannender für uns ist deshalb der Absatz 2. Hier ist vom „natürlichen Recht der Eltern über die Erziehung der Kinder“ die Rede. Hinter diesem vermeintlich einfachen Satz steckt sehr viel. Beginnen wir mit dem Wort >natürlich<. Die Definition des Dudens für den Begriff ist sehr ausführlich. Wichtig in unserem Fall ist meiner Meinung nach die Bedeutung Nummer 3,  die natürlich mit „in der Natur des Menschen begründet“ übersetzt. Gemeint ist damit wohl, dass Menschen bestimmte Triebe oder Instinkte besitzen, die nicht ansozialisiert sind, sondern auf unsere Evulution abgeleitet werden können. Im Ganzen betrachtet geht unser Grundgesetz somit davon aus, dass es ein evulutionär/tiebhaft/instinkthaft begründetes Recht von Eltern bezüglich der Erziehung ihrer Kinder gibt. Selbstverständlich sind mit den hier aufgeführten >Eltern< ausschließlich genetische Eltern angesprochen. Genauso selbstverständlich wird das hier nicht so explizit genannt (müsste der Staat doch sonst bei Pflege- und (Stiefkind-)Adoptiveltern von Eltern 2. Klasse sprechen). Dennoch lässt es sich leicht nachweisen, denn Pflege- und (Stiefkind-)Adoptiveltern haben eben kein >natürliches Recht<. Diese müssen erst durch ein Eignungsverfahren beweisen, dass sie gut für ein Kind sorgen können – sich dieses >Recht< verdienen.

Erst im zweiten Teil des Artikel 6 Abs. 2 Satz 1 GG werden die Pflichten der Eltern gegenüber ihren Kindern genannt. Diese Aufteilung ist dabei tatsächlich wörtlich zu verstehen – Recht vor Pflicht. Im Satz 2 heißt es dann weiter, die staatliche Gemeinschaft achte auf die ordnungsgemäße Ausführung der Erziehung. Dieser Satz legitimiert schlussendlich die Institution des Jugendamtes, Kinder- und Jugendhilfe, etc. als Kontrollinstanzen des Staates. Noch explizieter wird dies im Abs. 3. Dort steht:

(3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.

Knapp zusammengefasst könnte man das System der Bundesrepublik also wie folgt beschreiben: „Wir glauben erst einmal fest daran, dass leibliche Eltern ihre Kinder intuitiv richtig erziehen und greifen daher erst ein, wenn ein deutliches Versagen nach außen sichtbar wird!“

Dieses >Versagen< heißt in Fachsprache dann >Kindeswohlgefährdung< und wird in §8a des SGB VIII ausführlicher behandelt. Dieser Paragraph ist lang, unhandlich und wahnsinnig kompliziert. Jedes kleine Wort, jeder Satz hat weitreichende praktische Konsequenzen. Da heißt es beispielsweise im Abs. 1 Satz 1 (auf diesen Satz baut schlussendlich der gesamte Paragraph auf):

1) Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, so hat es das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einzuschätzen.

In der Praxis erfäht also das Jugendamt (konkreter der Allgemeine Sozialdienst – ASD des Jugendamts) von einem möglichen Fall der Kindeswohlgefährdnung. Das kann durch einen (anonymen) Anruf geschehen, von der Polizei gemeldet werden, oder ein überfordertes Elternteil wendet sich selbstständig an die zuständigen Sozialpädagog*innen. Besagte*r zuständige*r Sozialpädagog*in muss dann anschließend das Gefährdnungsrisiko feststellen – ok, klingt logisch, dass das wichtig ist. Aber wie macht man sowas? Es gibt sechs Indikatoren die bei einer möglichen Kindeswohlgefährdnung betrachtet werden sollten: äußere Erscheinung des Kindes Verhalten des Kindes, Verhalten der Familie, familiäre Situation, persönliche Situation der Familie und die Wohnsituation. Eine ausführliche Betrachung aller Punkte ist nur nach mehrmaligen Terminen (sowohl bei der Familie zuhause als auch im Büro des/der Sozialpädagog*in) möglich und kann damit bis zu mehreren Wochen dauern. Schlussendlich müssen zur Feststelung einer Kindeswohlgefährdnung drei Fragen mit >Ja< beantwortet werden:

  1. Besteht eine konkrete und unmittelbare Gefahr für das Kind?
    (Es reicht beispielsweise nicht aus, wenn das Kind in der Vergangenheit Schaden erlitt, jedoch keine deutlichen Indizien für eine Wiederholung sprechen)
  2. Ist der Schaden bereits eingetreten, oder besteht gegenwertig die Gefahr, dass der Eintritt eines Schadens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorauszusehen ist?
    (Aussagen wie: „Wenn er das nochmal macht, schlag ich ihn aber grün und blau!“ reichen meist nicht)
  3. Ist ein erheblicher Schaden zu vermuten, bzw. eingetreten? (z.B.: deutliche körperliche Verletzungen, Entwicklungsverzögerung, etc.)

Am Ende dieses Prozesses steht ein Gutachten, aus welchem hervor gehen sollte, ob nun eine Kindeswohlgefährdung besteht, oder auch nicht. Damit ist der Prozess jedoch noch nicht abgeschlossen, denn die Aussage, DASS eine Kindeswohlgefährdnung (Prüfung ist für jedes einzele Kind in einer Familie getrennt vorzunehmen) vorliegt, sagt noch lange nichts darüber aus, WIE mit dieser verfahren wird. Auch hier gibt es wieder jede Menge zu prüfen.

  1. Erforderlichkeit einer Hilfe zur Erziehung (kleinere Abweichungen wie beispielsweise der bekannte >Klapps auf den Po< weden als schicksalshaft hingenommen)
  2. Geeignetheit einer Hilfe zur Erziehung (Grundsatz der Verhältnismäßigkeit – oder anders gesagt: Billige Hilfe sticht teure Hilfe)
  3. Verbleib des Kindes in der Herkunftsfamilie (als Status Quo der so lange als möglich aufrechterhalten werden soll)

Das Gesetz kennt acht Hilfen zur Erziehung – genau beschrieben und aufgelistet in den Paragraphen §§28 – 35 des SGB VIII. Der/die zuständige Sozialpädagog*in ist nun also angehalten aufgrund der gerade aufgezählten Punkte eine dieser Hilfen zur Erziehung auszuwählen. Diese reichen von einfacher Erziehungsberatung (§28) bis hin zu intensiver sozialpädagogischer Einzelberatung, in welcher ein*e Sozialpädagog*in durchschnittlich zehn Stunden in der Woche ausschließlich für ein Kind zuständig ist. Auch bei Vollzeitpflege (§33) und Heimunterbringung (§34) handelt es sich um solche Hilfen zur Erziehung. Das Ziel der meisten dieser Hilfen zur Erziehung ist nicht etwa der primäre Schutz der Kinder, sondern (wie der Name schon sagt) die Unterstützung der Eltern im Umgang mit diesen. Nicht das gefährdete Kind ist Klient der Arbeit, sondern eben die Eltern.

Beispiel Pflegekind:

Wenn ein Kind von einem Jugendamt in Obhut genommen wird, ist im Vorfeld folgendes passiert:

  • in der Herkunftsfamilie bestand eine konkrete und unmittelbare Gefahr für Leib und Seele des Kindes
  • Schäden sind bereits eingetreten, oder würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eintreten
  • dieser Schaden ist, bzw. wäre erheblich
  • die leiblichen Eltern lehnten jegliche ambulanten Hilfen zur Erziehung ab bzw. es stellte sich trotz Durchführung anderer Hilfen keine Besserung der Situation ein
  • in einem Abwägungsprozess durch den/die zuständige*n Sozialpädagog*in kommt diese*r zu dem Ergebnis, dass der Verbleib in der Herkunftsfamilie für das Kind einen größeren Schaden darstellen würde, als die Herausnahme aus den bekannten Umfeld und die Neueingewöhnung in ein anderes Umfeld
  • die Entscheidung des/der Sozialpädagog*in muss von zwei weiteren Kolleg*innen des ASD in einer ausführlichen Fallschilderung abgesegnet werden

Der/die zuständige Sozialpädagog*in erstellt nun also ein Gutachten darüber, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und, dass seiner/ihrer Meinung nach eine Herausnahme des Kindes zwingend sei. Bei akuter Gefahr um Leib und Leben des Kindes ist es möglich die Inobhutnahme vor der Anfertigung des Gutachtens durchzuführen. In diesem Fall muss jedoch innerhalb von drei Tagen nach der Inobhutnahme ein solches Gutachten vorliegen. Dieses Gutachten wird anschließend dem Familiengericht vorgelegt, DENN nicht das Jugendamt entscheidet über den Verbleib der Kinder, sondern ein*e Richter*in des Familiengerichts. Erst wenn ein*e Familienrichter*in der Herausnahme des Kindes zugestimmt hat, ist diese rechtsgültig. Bei Kindern, welche akut in Obhut genommen wurden muss dieses Urteil innerhalb von drei Tagen vorliegen. Sollte dies nicht der Fall sein, müssen die Kinder nach Ablauf dieser drei Tage in die Herkunftsfamilie rückgeführt werden. Bei allen anderen Herausnahmen sollte dieses Gerichtsurteil bereits vor der Herausnahme existieren.

So sinnvoll es im ersten Moment erscheinen mag, dass eine unabhängige dritte Instanz über den Verbleib der Kinder entscheiden kann, so abenteuerlich wird dies bei genauerer Betrachtung. Die Praxis zeigt, dass Familiengerichtsentscheidung in vielen Fällen willkürlich und nicht dem Kindeswohl entsprechend getroffen werden. Familienrichter*innen sind in erster Linie Jurist*innen und haben kaum bis gar keinen Bezug zu den einzelnen Fällen. Kinder sind Nummern, Fälle sind Akten. Dem Gutachten des/der Sozialpädagog*in kann, muss jedoch nicht entsprochen werden. Richter*innen sind anders als die Sozialpädagog*innen des Jugendamtes in erster Linie dem Gesetz und nicht den Kindern verpflichtet und dieses besagt ja bereits im Grundgesetz, dass es ein >natürliches Recht auf Erziehung< gibt.

Gehen wir an diesem Punkt jedoch davon aus, dass der oder die Richter*in einer Herausnahme des Kindes zugestimmt hat und dieses anschließend vom Jugendamt in Obhut genommen und in eine Notschlafstelle für Kinder oder eine Bereitschaftspflegeeinrichtung gebracht wurde. Nach einer ungewissen Zeit der Suche findet sich eventuell auch eine passende Dauerpflegefamilie für das Kind. Es findet eine Anbahnung zwischen Pflegefamilie und Kind statt und nach einer wiederum unbestimmten Zeit zieht besagtes Kind zur Pflegefamilie. Happy End – Ende gut, alles gut? Ihr ahnt es schon. Nein, unsere Geschichte geht selbstverständlich noch weiter.

Die Herkunftsfamilie (das umschließt die leibliche Mutter und den leiblichen Vater, aber auch Geschwister und Großeltern) hat nach §1684 BGB ein Recht und sogar eine Pflicht auf Umgang mit dem/den Kind_ern. Dieses Recht wird nur in den absolut seltensten Fällen ausgesetzt. Bei aktuer Gefahr des Kindes durch die Herkunftsfamilie kann der Umgang allerdings in Anwesenheit einer dritten Person, beispielsweise eines/einer ASD-Mitarbeiter*in stattfinden. Dieser Umgang wird in der Regel, genauso wie die Entscheidung über die Herausnahme des Kindes, vom Familiengericht getroffen. Je nach Bindung der Kinder zu den Herkunftsfamilien und Schwere der im Vorfeld stattgefundenen Kindeswohlgefährdnung hat sich beispielsweise in Nürnberg ein Umgangskontakt zwischen Herkunftsfamilie und Kind im Monat bewährt. Leider haben auch hier die Familienrichter*innen das letzte Wort und es zeigt sich eine Tendenz dahin die Umgangskontakte der Pflegekinder ähnlich denen von Scheidungskindern zu gewähren. Das kann selbstverständlich nicht funktionieren, da es einen gehörigen Unterschied macht, ob ein Kind vierzehntägig den Papa*/die Mama* sieht, mit welchem/welcher es früher unter einem Dach gewohnt hat, eine enge Bindung zu diesem Elternteil besteht, und davon ausgegangen werden kann, dass der Umgang positiv und förderlich verläuft oder ob es alle vierzehn Tage eine fast fremde Person sieht, welche im sonstigen Leben des Kindes eine eher kleine Rolle spielt und die in der Vergangenheit eine Kindeswohlgefährdung bei besagtem Kind verursacht hat. Ein Großteil der Pflegefamilien beschreibt die Umgangskontakte mit der Herkunftsfamilie als für das Kind in höchstem Maße anstrengend. Häufig belastet das Treffen die Pflegekinder noch über Stunden oder Tage nach dem Termin hinaus. Geschilderte Bedenken von Pflegeeltern und sogar der formulierte Wunsch der Kinder selbst finden nicht immer Gehör bei solchen Verhandlungen. Die Pflegeeltern befinden sich dabei in einer Pattsituation, denn einerseits verbringen sie den gesamten Alltag mit den Kindern, lieben diese, möchten sie beschützen wo sie nur können und sehen das Leid der Kinder nach den Umgangskontakten und andererseits werden sie von Richter*innen und Ämtern gerne als professionelle „Hilfe zur Erziehung“ gesehen, welche den gegebenen Anweisungen Folge zu leisten hat. In diesem Sinne wird von den Pflegeeltern verlangt ein positives Verhältnis zur Herkunftsfamilie zu pflegen, sich Ärger und Frust nicht anmerken zu lassen und die getroffene Umgangsregelung zu befolgen, selbst dann, wenn sich die leiblichen Eltern selbst ihre >Rechte< nicht regelmäßig wahrnehmen, oder sich während der Kontakt nicht adequart verhalten.

Selbstverständlich ist das Wissen um die eigene Herkunft ein wichtiges Gut und auch der Umgang mit der Herkunftsfamilie kann für ein Kind bereicherd und positiv empfunden werden. Bestimmt gelingt der Umgang bei vielen Pflegekinden und deren leiblichen Eltern problemlos und kann über Jahre hinweg regelmäßig stattfinden. Natürlich weiß mensch theoretisch ziemlich genau auf was er/sie sich als Pflegeeltern einlässt und sollte bereit sein der Herkunftsfamilie mit Respekt und auch einer gewissen Nachsicht zu begegnen. Das steht hier alles außer Frage. Problematisch wird es jedoch immer dann, wenn die Pflegefamilie eben >nur< als die Hilfe zur Erziehung wahrgenommen wird und nicht als das, was sie ist – eine im Alltag ganz normal funktionierende Familie. Leider stützt unser System, in welchem die Elternrechte der leiblichen Eltern immernoch als das höchste Gut der Erziehung gelten, genau diesen Blickwinkel. Mit der Aufnahme eines Pflegekindes bürdet mensch sich sämtliche Pflichten auf, die Elternschaft so mit sich bringt, erhällt jedoch kaum Rechte und befindet sich im staatlichen Denken immer auf Rang zwei eines Siegertreppchens auf dessen Spitze die leiblichen Eltern stehen, welche nicht nur kaum Erziehungsarbeit für das Kind leisten, sondern auch in nicht unerheblichen Maße dessen Wohl beeinträchtigt haben. Dieser Umstand zeigt sich beispielsweise darin, dass die leiblichen Eltern eines in Obhut genommenen Kindes jedes Jahr beim Familiengericht die Rückführung des Kindes beantragen können. Sollte ein zu diesem Zwecke angefordertes Erziehungsfähigkeitsgutachten bestätigen, dass sich die Situation der Herkunftsfamilie stabilisiert hat und keine akute Gefährdung für die Kinder mehr besteht (hier darf jedoch nicht vergessen werden, dass eine nicht akut gefährdende Situation nicht gleichzusetzen ist, mit einer optimalen Situation), kann es zu einer Rückführung des Kindes kommen. In diesem Zusammenhang besteht jedoch zum Glück eines der wenigen Rechte von Pflegeeltern. Im §1632 Abs. 4 des BGB heißt es nämlich:

(4) Lebt das Kind seit längerer Zeit in Familienpflege und wollen die Eltern das Kind von der Pflegeperson wegnehmen, so kann das Familiengericht von Amts wegen oder auf Antrag der Pflegeperson anordnen, dass das Kind bei der Pflegeperson verbleibt, wenn und solange das Kindeswohl durch die Wegnahme gefährdet würde.

Anders ausgedrückt heißt dies, dass selbst, wenn die Erziehungsfähigkeit der leiblichen Eltern wieder gegeben wäre, geprüft werden muss, ob eine Rückführung und der damit statfindende erneute Bruch eine größere Kindeswohlgefährdung darstellt, als der Verbleib in der nicht leiblichen Pflegefamilie.Je länger ein Kind also bereits in der Pflegefamilie lebt und je kürzer es in der Herkunftsfamilie gelebt hat, desto unwahrscheinlicher ist eine Rückführung. Seit Kurzem ist es Pflegeeltern außerdem gestattet als Beisitzer*innen an diesen Prozessen teilzunehmen und eine*n eigene*n Anwalt/Anwältin zu benennen, selbstverständlich auf eigene Kosten (während die Kosten auf Seite der leiblichen Eltern übernommen werden). Häufig ist es nicht die konkrete Angst vor einer Rückführung, die Pflegeeltern verzweifeln lässt, sondern der permanente Druck von außen, die regelmäßigen, nie enden wollenden Gerichtstermine, das ständige „sich rechtfertigen müssen“ und das Gefühl Spielball vieler unterschiedlicher Instanzen zu sein, welche jeweils an den Pflegekindern zerren, wärend man selbst zwar die meiste Arbeit, jedoch nicht das meiste Mitspracherecht besitzt. Selbiges gilt auch in Bezug auf die Umgangsregelungen mit der Herkunftsfamilie. Auch diese können jährlich neu von den leiblichen Eltern beim Familiengericht in Frage gestellt und anschließend gerichtlich angepasst werden.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass in Deutschland das Elternrecht bei weitem über dem Recht der Kinder überwiegt. Es wird davon ausgegangen, dass leibliche Eltern >naturgegeben< gute Erziehung leisten. Dies führt in der Praxis dazu, dass Familienhilfe nur im absoluten Notfall und in letzter Sekunde, meist zwangsweise genutzt wird. Ein Eingestehen von Überforderung oder Unwissen (wie sie meiner Meinung nach fast alle frisch gebackenen Eltern verspüren) ist nicht vorgesehen. Junge Eltern werden durch Aussagen wie „Wenn das Kind dann da ist, weißt du schon was du machen musst!“ unter Druck gesetzt und so dazu getrieben bestehende Unsicherheiten zu verschweigen. Es findet keine/kaum Präventionsarbeit statt. Überforderte Eltern fühlen sich häufig alleingelassen und schuldig. Eingegriffen wird erst dann, wenn die Überforderung oder Gefährdung so massiv ist, dass sie nach außen sichtbar wird. Ein schamfreies Inanspruchnehmen diesre Hilfeleistungen ist somit im derzeitigen System kaum möglich. Dies fördert (ungewollt) die Dunkelziffer gefährderter Kinder. Gleichzeitig bleibt jedoch die Grundidee der „Elternrechte“ auch bei massiver Gefährdung spürbar, indem eben nicht die Kinder geschützt, sondern die Eltern gefördert werden sollen. Dieses Prinzip ist so fest in den Köpfen von Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen, Jurist*innen, usw. verankert, dass lieber einmal zu häufig ein Kind in einer desulaten Herkunftssituation belassen, als eine eventuell unnötige Herausnahme vorgenommen wird. Genetische Elternschaft wiegt nach wie vor deutlich schwerer als soziale Elternschaft. Gerade die Kinder mit den größten Rucksäcken erleben damit auch die größte Unsicherheit bezüglich ihrer Zugehörigkeit. Ihnen wird (manchmal selbst bei eigenem explizietem Wunsch) nicht vergönnt in einem geschützten Rahmen bei Pflegeeltern aufzuwachsen, sondern erleben über viele Jahre hinweg ein regelrechtes Zerren von allen Seiten. Die sich ebenfalls aus dem massiven Elternrecht ergebenden schlechten Konditionen für Pflegeeltern schreckt viele Interessierte von dem Schritt ab, eine Pflegschaft einzugehen, weshalb vor allem ältere Pflegekinder meist ihre gesamte Kindheit und Jugend in Heimen verbringen müssen. Eine solche meist destruktive Heimkindheit summiert sich mit den häufig aufgrund der Vorgeschichte (z.B.: Alkohol- und Drogenkonsum der leiblichen Mutter* während der Schwangerschaft, Gewalterfahrungen, etc.) bestehenden Entwicklungsbeeinträchtigungen und führt in vielen fällen zum sozialen Abstieg der Kinder. Schlussendlich hilft das in der Bundesrepublik praktizierte Elternrecht also weder den leiblichen Eltern, welche mit einer Vielzahl implizieter Erwartungen konfrontiert werden, noch den Kindern, die hierdurch nicht in aller nötigen Sorgfalt vor Gefährdungen geschützt werden können und auch nicht dem Hilfesystem, welches sich selbst in die Position des Buu-Menschen drängt, oder in Handlungsunfähigkeit erstarrt.

Ich plädiere an dieser Stelle für die Implementierung starker Kinderrechte, welche den bestehenden Elternrechten zumindest ebenbürtig gegenüberstehen, denn es widerspricht der Würde des Menschen eine bestehende Gefährdung mit der Zugehörigkeit zu einer Genlinie und Schicksal zu begründen. Dafür setze ich mich ein und ich bin guter Dinge, dass die Zukunft zumindest eine schrittweise Verbesserung in diese Richtung bereithält. Es lohn sich zu kämpfen.

 

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