Zitronenbällchen

Keine Angst, wir haben hier nicht spontan beschlossen, aus dem Blog einen weiteren sterbenslangweiligen Rezept – und kochblog zu machen. Mit dem Zitronenbällchen in der Überschrift bin ICH gemeint.

Warum? Na, logisch, weil ich SAUER bin.

Ich möchte an dieser Stelle mal ein sehr schwieriges und sehr sehr persönliches Thema ansprechen. Ich habe lange überlegt, ob ich das tatsächlich tun soll. Ob dieser Blog dafür überhaupt geeignet ist. Und – grob gesagt- ob das Thema überhaupt jemanden was angeht.
Ich bin schließlich zu dem Schluss gekommen, dass, – ja- dieses Thema genau hierher gehört. Im Gegenteil, es wäre sogar fatal, es nicht anzusprechen. Diesen blog lesen Leute, die uns unterstützen und mit uns fiebern, aber genauso auch Leute, die selbst in einer ähnlichen Situation stecken. Die selbst mit Hormonen und Eizellen kämpfen und immer wieder vom Leben eins auf den Deckel kriegen. Leute, denen es vielleicht ebenso geht wie mir und die sich auch nicht trauen, darüber zu sprechen.

Ich bin also sauer.
Auf alles und jeden.
Ich bin sauer auf (gefühlt) unfähige Ärzte. Auf dumme Ratschläge und allgemeinplätze a la „entspannt euch mal, dann klappt es besser“ oder „das wird schon noch!“. Auf Menschen, die mir erzählen „dass es eben halt nicht sein sollte“, am besten noch „weil Gott für alles einen Plan hat“.

Ich bin sauer auf Menschen, für die Kinder irgendwie nur ein lästiges Anhängsel sind. Auf Menschen, die schon mit drei Kindern in einem Zimmer leben und trotzdem immer noch nicht gelernt haben, wie man Kondome benutzt. Ich bin wütend auf Menschen, die ihre Kinder dazu benutzen, mehr Geld, einen Aufenthaltstitel oder Unterhalt zu bekommen (zugegeben, das sind die wenigsten, aber leider habe ich – als Sozialarbeiter*in – beruflich durchaus mit genau diesen Leuten zu tun… Tolle Wurst, oder?)
Ich bin sauer auf all die Schwangeren und frisch gebackenen Mütter – die jetzt in der warmen Jahreszeit irgendwie ÜBERALL sind, egal wo man hinguckt. Bonuspunkte, wenn sie sich lautstark darüber beschweren, dass sie ja so schrecklich fruchtbar sind, weil sie ja schon wieder schwanger sind und das ja mit zwei Kindern alles so schwer ist.

Ich bin sauer darauf, dass in nahezu allen diesen Fällen niemand auch nur mit der Wimper zuckt, wenn diese Kinder unter miesesten Bedingungen aufwachsen, sind ja schließlich leibliche Kinder von Hetero-paaren. Aber selbst wenn es uns doch noch gelingen sollte, ein leibliches Kind zu bekommen hat ein uns beiden wildfremder Mann – theoretisch – mehr Rechte als ich. Selbst wenn es klappen sollte, werde ich erstmal unter den Generalverdacht gestellt, dass es eventuell nicht gut für UNSER Kind ist, dass ich auch tatsächlich ein Elternteil davon werde. Selbst wenn wir ein leibliches Kind bekommen, muss ich mich dafür rechtfertigen. Von dem ganzen Zirkus, der mit einem eventuellen Pflegekind einhergeht mal ganz zu schweigen. Wer erklärt denn bitte Chantall, die mit 19 ihr drittes Kind bekommt, dass es nicht ihres ist, solange sie keinen Lebensbericht und ärztliche Untersuchungen vorweisen kann, die sie dafür qualifizieren? Wer hält meine Notunterkunfts-Bewohnerin davon ab, ihr fünftes Kind zu bekommen und es mit in dem einen Zimmer ohne eigenes Bad aufzuziehen, weil kein eigenes Kinderzimmer existiert? Wer verlangt denn von Familie Schmidt, dass sie bis ihr Kind 18 ist alle zwei Wochen damit beim Jugendamt antanzen müssen?

Ich bin sauer, dass es schon wieder nicht geklappt hat. Dass die Medizin nur ein kaltes, herzloses Schulterzucken als Antwort auf die Frage nach dem Warum hat.

Ich bin gerade kein Hannibällchen, sondern ein Zitronenbällchen.

So, meine Freund*innen fühlt sich der Ausschluss von scheinbar alltäglichen Privilegien und Diskriminierung an. Sie schmecken nach Zitrone.

Und ich weiß, dass das nicht nur ziemlich lächerlich klingt, es ist auch lächerlich. Es steht mir nicht zu, über andere Leute so zu urteilen und selbst wenn es das tut, dann gibt es für alles Gründe. Wer bin ich, anderen Leuten ihr Leben bzw ihre Arbeit vorzuschreiben oder zu missgönnen. Das würde ich bei mir ja auch nicht wollen. Ich bin mir dessen bewusst.
Aber es ist schwer.
Es ist schwer, andere Menschen zu einer Schwangerschaft zu beglückwünschen. Der Kloß im Hals ist ja trotzdem da, wenn die Kollegin in Elternzeit mit dem Neugeborenen zur Teamsitzung vorbeikommt. Ich weiß ja trotzdem nicht, wie ich beim Spaziergang im Park mit dem Blick all den Kugelbäuchen ausweichen soll, oder wie ich bei Beiträgen wie diesem hier auch nur noch einen Funken Verständnis für meine Berufskolleg*innen übrig haben soll.

Tun kann ich dagegen herzlich wenig.
Ich weiß aber, dass ich eigentlich kein Zitronenbällchen sein möchte.

Und genau deshalb spreche ich all das hier an.

Zum einen, um es loszuwerden (ich kann ja schließlich schlecht anfangen, den Muttis im Park ein Bein zu stellen… Ist gesellschaftlich nicht so ganz akzeptiert…).
Zum anderen, um mir das alles bewußt zu machen und es zu reflektieren. Denn wenn Mensch seine Gefühle nicht reflektiert, sondern schwelen lässt, wird es gefährlich.

Wer davon nicht überzeugt ist, dem empfehle ich an dieser Stelle einfach das Parteiprogramm der afd zu lesen, um zu verstehen, wie sehr sich absurde Ängste und ziellose Wut aufschaukeln können, wenn man sie im eigenen Hirnschmalz schmoren lässt…

Da mache ich nicht mit. Und das möchte ich so auch an die Leserschaft dieses Blogs weitergeben.
„Sapere aude!“, wie mein alter Freund Immanuel so schön sagt. Und auch an seine andere berühmte Erkenntnis möchte ich mich halten. Nur weil ich diskriminiert werde, habe ich kein Recht, anderen Menschen mit Missgunst zu begegnen.

Es wird weitergehen. Auch ohne dass ich das Jugendamt in Brand stecke.
Aber es muss nicht im geheimen weitergehen. Ich muss nicht dazu schweigen.

 

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