Derzeit geht eine neue Welle der Sexismusdebatte, welche in jüngerer Zeit ja bereits durch die Silversternacht 2015 in Köln und die Frauen*bewegung nach der Wahl von Präsident Trump in den USA angeschührt wurde, durch die Netzwerke und Medien. Hierzu ein Statement von mir:

Eine der auslösenden Situationen war wohl der Online-Kommentar der Berliner Staatssekretärin* Sawsan Chebli, welche als Rednerin zu einem Treffen eingeladen, vom Moderator* nicht erkannt und als sie sich zu erkennen gab mit den Worten, er habe nicht mit einer so jungen und hübschen Frau gerechnet, abgespeißt wurde. Sie problematisierte den erlebten Sexismus in sozialen Netzwerken und erntete hierfür nicht nur zustimmende Reaktionen, sondern auch viel Wut und Missverständnis. Die Diskussion wurde angefacht und inzwischen berichten Frauen* unter dem Hashtag #metoo bundesweit wieder von ihren alltäglichen Sexismuserfahrungen.

Neu an gerade dieser Debatte ist, dass sie neben sehr deutlichen Fällen von männlicher Dominanz auch subtile, bzw. ambivalente Formen von Sexismus einschließt. Die Aussage, Sawsan Chebli sei hübsch und jung wirkt im ersten Moment positiv und wertschätzend. Genau in diesem Licht wird sie von vielen Kritiker*innen auch betrachtet. Cheblis Pickiertheit und ihr Sexismusvorwurf werden von diesen im besten Fall als „übertrieben feministisch“ belächelt, oder aber öffentlich mit Aussagen wie: „Darf man nun noch nicht einmal mehr Komplimente machen?“ angeprangert. Wieder einmal wird >dem Feminismus< vorgeworfen zu weit zu gehen und Hirarchie zu sehen, wo schon längst keine mehr zu finden seien. Dabei vertreten nicht nur Männer* diese ablehnende Position. Auch viele Frauen* werden nicht Müde zu bekräftigen, wie unpassend sie die gesamte Diskussion finden, was die männlichen Gegenpositionsinhaber* wiederum in ihrer Einstellung bekräftigt. Aus diesem Lager heißt es beispielsweise „richtiger Sexismus“ könne durch das Aufhängen an solchen Nichtigkeiten auch nicht mehr ernst genommen werden und so würden die Frauen* sich schlussendlich durch die gesamte Debatte selbst schaden. >Richtiger Sexismus<, das ist dabei der offene, in Deutschland kaum mehr anzutreffende Sexismus, in welchem Frauen nicht Autofahren, nicht wählen, oder keiner Berufstätigkeit nachgehen dürfen, oder aber zumindest von ihrem Mann* geschlagen werden. In diesem Weltbild sind die Worte des Moderators* an Chebli ein Kompliment und wenn ein Mann* einer Frau* die Tür aufhält, ist das höflich.

Ja, die Tür für jemanden aufzuhalten kann höflich sein und einer Frau* zu sagen, dass sie hübsch aussieht, ist nicht per se sexistisch. Ob es sich in bestimmten Situationen um Sexismus handelt oder nicht, ist manchmal schwer zu beantworten. Ein erstes Indiz hierfür kann sein, dass die betroffene Frau* das Verhalten als sexistisch empfunden hat. Einige Frauen* problematisieren jedoch noch nicht einmal den Griff eines fremden Mannes* an ihren Po, weshalb der alleinige Bezug auf die Empfindung der Betroffenen* wohl nicht ausreicht. Diese Herangehensweise stützt außerdem sehr schnell das Argument, Mann* dürfe inzwischen keine Komplimente mehr machen, ohne gleich als Sexsist* angeschwärzt zu werden. Das stimmt nämlich nicht. Ob eine Situation wirklich sexistisch war, kann nur aufgrund beidseitiger Reflexion beantwortet werden und hierbei spielt vor allem die Intension hinter dem gezeigten Verhalten eine Rolle. Hat Mann* der Frau* die Tür aufgehalten, weil er* vor ihr durch diese hindurch ging und sie* ihr nicht vor der Nase zuknallen lassen wollte, oder aber, weil sie* eine Frau* ist und da macht man das eben so? In Bezug auf die Chebli-Diskussion muss man sich also fragen, ob hinter dem >Kompliment< über Jugend und Schönheit der Botschafterin* durch den Moderator* ein sexistisches Situationsverständnis stand. Die Antwort hierauf ist eindeutig JA. Warum? Der Moderator* erkannte die Botschafterin* nicht, da diese nicht seinen Vorstellungen >eines Botschafters< entsprach. Abgesehen von der Tatsache, dass der Moderator* seinen Job unzureichend erfüllte (sonst hätte er zumindest einmal gegooglet, wen er gleich vor sich haben wird), teilte er Frau* Chebli auch noch durch die Blume mit, dass er sie aufgrund ihres Aussehens und Alters nicht als kompetent eingeschätzt hatte, denn Botschafter* sind in seinem* Weltbild entweder männlich, oder aber wenn sie weiblich sind, dann zumindest alt und hässlich.

Grundsätzlich empfinde ich jedes gesellschaftliche und politische Engagement, welches Hirarchien wie die zwischen Geschlechtern aufzeigt als wichtig, notwendig und gut. Es wird heutzutage immer schwieriger soziale Bewegungen und Diskussionen anzustoßen und wenn es gelingt, ist das eine feine Sache. Auch die stattfindende Ausdifferenzierung des Phänomens Sexismus und die damit verbundene Erkenntnis, dass auch positiver Sexismus, immernoch Sexismus ist, empfinde ich als sehr sinnvoll. Inzwischen ist es möglich die Mittäter*innenschaft von Frauen* in der gesamten Debatte zu thematisieren und darauf hinzuweisen, dass auch die Annahme von bestimmten Privilegien (z.B.: nicht-beschäftigen mit Finanzen, überlassen der handwerklichen Arbeiten, Tür aufgehalten bekommen, etc.) eben der Gleichstellung schaden.

Dennoch stören mich einige Punkte an der aktuellen Debatte und dies führt dazu, dass ich viele Artikel zum Thema nicht lesen kann, ohne entnervt den Kopf zu schütteln. Auf diese möchte im Folgenden eingehen:

  1. Männer*positionen in der Debatte
    Die Frage, ob Männer* überhaupt das Recht haben aktiv an der Sexismusdebatte teilzunehmen, wird kontrovers diskutiert. Mann*-sein bedeutet IMMER privilegiert sein. Ist Mann* dann noch weiß und hetero, hat er* sozusagen den Lebensjackpott gezogen. Das ist so und kein Mann* kann diese Priveligiertheit abschütteln. Er* wird in diesem Machtverhältnis sozialisiert und egal wie kritisch er* seine Rolle im Hirarchiegefüge auch betrachtet, wird er* immer priveligiert bleiben. Aus dieser Position heraus ist es schlicht und ergreifend nicht möglich bewerten zu können, was wirklich sexistisch ist und was nicht. Jede*r einzele von uns diskriminiert und zwar täglich. Das können wir nicht ändern und nicht verhindern. Deshalb ist es unsere Pflicht unser herabwürdigendes Verhalten einer Person, oder Gruppe gegenüber spätestens dann zu reflektieren und zu ändern, wenn wir darauf aufmerksam gemacht werden. Selbiges erwarte ich von selbstkritischen Männern*. Erwarten kann ich es deshalb, weil es eine Selbstverständlichkeit sein muss. Männer* die Anerkennung dafür verlangen, dass sie das Prinzip der hegemonialen Männlichkeit vermeintlich kritisch betrachten sind bei mir an der falschen Adresse, denn selbige Männer* erwarten ein Lob von ihren Frauen*, wenn sie im Haushalt >helfen< oder Elternzeit für drei Monate nehmen. In Bezug auf die Beteiligung von Männern* im Sexismusdiskurs heißt das für mich: Selbstverständlich müssen Männer* teil der Debatte sein, schließlich sind ihre Privilegien vereinfacht gesagt das „Problem“. Sie dürfen jedoch niemals federführend, bewertend oder entscheidend auftreten, denn in diesem Moment würden sie erneut von ihrer Überlegenheit Gebrach machen. Kritische Männlichkeit schließt ein, dass Mann* akzeptiert, dass er* das Zeppter nicht per se in der Hand hat und eben auch mal die Klappe halten muss.
  2. Reproduktion von Stereotypen
    Aus dem gerade Beschriebenen ergibt sich jedoch leider ein Definitionsproblem. Die gesamte Debatte stützt sich auf den schlichten Umstand, dass Frauen* von Männern* hirarchisch unterdrückt werden. Vereinfacht heißt das für viele: Männer* sind das Problem. Diese These konsequent weitergedacht, schafft aber eine unüberwindbare Lücke zwischen Frauen* und Männern*, denn wenn Männer* per se das Problem sein sollen, wird ihnen von vorne herein die Möglichkeit genommen etwas an der bestehenden Ungleicheit zu ändern. Hier werden stereotype Rollenbilder reproduziert, nach welchen Mann-sein* mit zwigendem >männlichem< Verhalten gekoppelt wird. Ich möchte hier keinen Monolog über das Prinzip des Doing Gender halten, aber dennoch zu bedenken geben, dass diese strikte Einstellung zu einem Erstarren der gesamten Diskussion führen müsste. Hier wäre es nur möglich, sexistisches Verhalten zu problematisieren, aber nicht dieses abzubauen. Das Verständnis darüber, dass nicht Mann*-sein, sondern hegemoniale Männlichkeit das Problem ist, ermöglicht es Männern* und Frauen* gleichermaßen am Abbau dieser Geschlechtsprivilegien mitzuwirken und damit die >Kluft< zwischen Männern* und Frauen* zu überwinden. Ziel sollte es sein, der Kategorie Geschlecht vollständig die Macht (positiv wie negativ) zu nehmen und das geht nur, durch ein Besinnen auf die Gemeinsamkeiten und nicht durch eine ständige Reproduktion der vermeintlichen Unterschiedlichkeit von Frauen* und Männern*.
  3. Zweigeschlechtlichkeit
    Ich weiß nicht, wie häufig ich in diesem Statement die Worte Frau* und Mann* verwendet habe, zu oft auf jeden Fall. Sexismus ist mehr als die Unterdrückung von Frauen* durch Männer*. Sexismus ist jede Form von Diskriminierung (positiv wie negativ) aufgrund der Kategorie Geschlecht. Das sollte man der gerade stattfindenden Debatte wohl noch einmal erklären, denn hier findet permanent ein verharren im Zwei-Geschlechter-Modell statt. Inter*- und Trans*-Personen haben nach meinen Beobachtungen in der gesamten Debatte keine Stimme. Die von diesen Personengruppen erlebten Diskriminierungserfahrungen sind jedoch auch sexistisch. Das ist interessant, denn hier können nämlich pötzlich auch Frauen* zu Täterinnen* sexistischer Verhaltensweisen werden, sich also im vermeintlichen Geschlechtshirarchiegefüge über andere Personengruppen einordnen.
    In diesem Zusammenhang stört es mich ganz gewaltig, dass in der gesamten Debatte Rollenstereotype reproduziert werden. Ein sehr deutliches Beispiel dafür ist der „Pussy-Hat“ der Trump-Proteste, welcher selbstverständlich rosa/pink zu sein hatte, oder die unhinterfragte Verherrlichung „weiblicher“ Geschlechtsorgane. Der positiver Bezug auf den Besitz einer Vagina ist grundsätzlich ok. Es ist immer gut den eigenen Körper so zu nehmen, wie er ist. Falsch ist aber die generelle Verknüpfung von Geschlechtsorganen und Geschlechtsidentität, denn nicht jede Frau* hat eine Vagina, nicht jeder Mann* einen Penis.

Abschließend also mein Statement:
Liebe Menschen da draußen, die Kategorie Geschlecht hat nur deshalb positive oder negative Macht, weil wir ihr diese einräumen. Sämtlicher Sexismus lässt sich hierauf zurückführen. In diesem Sinne sind nicht Männer* das Problem, sondern wir alle und wir können auch alle etwas daran ändern. Gebt einer willkührlichen Kategorie keine Macht.

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