„Die Schatten werden Länger, und doch bleiben alle Blind und Stumm;
Zum Klang der Rattenfänger tanzt man wild ums goldne Kalb herum;
Die Schatten werden länger, es ist fünf vor zwölf, die Zeit ist beinahe um.
Zeit den Riss der Welt zu sehen, könnt ich nur das Steuer drehen,
doch ich muss daneben stehen. Man bindet mir die Hände.
Nichts ist schlimmer als zu wissen, wie das Unheil sich entwickelt
Und in Ohnmacht zusehn müssen, es macht mich völlig krank!
Die Schatten werden länger und die Lieder werden kalt und schrill,
der Teufelskreis wird enger und man glaubt nur, was man glauben will.
Die Schatten werden länger, es ist fünf vor zwölf, warum hält jeder still?“

Diese Zeilen aus dem Musical Elisabeth (ein übrigens echt hörenswertes Stück, vor allem in der CD-Version mit Máté Kamarás in der männlichen Hauptrolle…)  spuken mir schon seit den ersten Hochrechnungen zur Wahl gestern Nachmittag/Abend im Kopf herum.

„Die Schatten werden länger“ ist ein zutiefst beklemmendes Musikstück. Es handelt von Ängsten, Ungläubigkeit und Verzweiflung angesichts einer Entwicklung die man weder nachvollziehen noch in irgendeiner Form gutheißen kann. Und von der Machtlosigkeit gegen eben jene Entwicklung.

12,6 Prozent.

12,6 Prozent der Menschen in diesem Land sehen in Hass und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit eine „Alternative“.

12,6 Prozent der Menschen in diesem Land, die genau wissen, dass sie rechtes Gedankengut vertreten (denn inzwischen dürfte wohl auch der oder die letzte Hinterwälder_in verstanden haben, dass die AFD rechtspopulistisch ist) und sich keinen Deut dafür schämen.

Und genau das ist das Problem. 12,6 Prozent sind objektiv gesehen nicht die Welt, und zum Glück schon gar nicht „das Volk“. Es ist also weniger das eigentliche Ergebnis dieser Wahl, welches mir Sorgen macht, sondern vielmehr die Entwicklung, die dieses Ergebnis erst möglich gemacht hat.

Dieses Ergebnis zeigt nämlich, dass es inzwischen wieder ohne weitere Konsequenzen möglich ist, „die Anderen“ zu hassen. Die Flüchtlinge, die Schwuchteln, die Behindis [sic!].

Die Schatten werden länger…

Es ist möglich, und in einem großen Teil der Bevölkerung sogar offensichtlich gerne gesehen, dass man Menschen wieder abwertet und aus der Gesellschaft und von Rechten ausschließt, die nicht umsonst MENSCHENrechte heißen. Und zwar gerade die Menschen, die diesen Schutzmechanismus am nötigsten hätten.

Und das ist der Gedanke, bei dem sich mein Brechreiz meldet. Denn jetzt, wo dieses Gedankengut wieder so offensichtlich Salonfähig geworden ist, werden sich auch diejenigen anschließen, die ihre Meinung bisher noch verschwiegen haben. So paradox es klingen mag, ich fürchte den Siegeszug der AFD, weil er sich selbst weiter befeuert.

Und wohin das führen kann, das haben wir in der Vergangenheit mehr als gesehen.

Ich habe das Glück, einen Vater zu haben, der sich auch in meinen jüngeren Jahren noch nie davor gescheut hat, mir von der Vergangenheit dieses Landes zu erzählen. Ich bin Aufgewachsen mit Geschichten von Menschen, die ein Bild von dieser Vergangenheit gemalt haben. Ein Bild, das mindestens genauso beklemmend ist, wie der Liedtext am Anfang dieses Beitrages.

Und ich habe Angst. Gerade weil ich diese Geschichten kenne. Diese Geschichten von Anne Frank und dem Mädchen mit dem rosa Kaninchen. Von den Geschwistern Scholl und Dietrich Bonhoeffer.

Ich habe Angst, weil mit dem aktuellen Wahlergebnis etwas einhergeht, von dem ich niemals gedacht hätte, dass es mir je passieren würde: Ich finde mich in diesen Geschichten wieder.

Sicher, nicht indem ich mich auf einem Dachboden verstecke, oder weil mir die Todesstrafe droht, wenn ich Flugblätter verteile. Aber dort, wo diese Geschichten anfangen. Dort wo das kleine Mädchen merkt, dass es anders behandelt wird, weil es jüdisch ist. Dort wo zwei Geschwister realisieren, dass die „Studentenaktion“ wohl mehr Aufsehen erregt, als sie es gewöhnlich tut.

Der Teufelskreis wird enger und man glaubt nur, was man glauben will.

„12,6 Prozent ist nicht soo viel“. Nein, ist es nicht. Wenn du weiß, männlich (cis), heterosexuell und nicht behindert bist, wirst du von diesen 12,6 Prozent nahezu nichts mitbekommen.

Bis auf „weiß“ bin ich das aber nun mal nicht. Und auch meine Frau und hoffentlich irgendwann das Hummelchen werden nicht in dieses Weltbild passen. Eine meiner deutlichsten Kindheitserinnerungen sind Fernsehbilder von Molotowcocktails, die durch Flüchtlingsheimfenster fliegen (Ja, auch die 90er waren ziemlich scheiße!). Ich wohne im Erdgeschoss. Und meine Wohnung ist von den Flüchtlingsheimen, in denen ich arbeite, im Endeffekt auch nur ein paar mehr Menschen und eine Bettwanzenplage weit entfernt.

Es ist eine Wahrheit, die sich all zu leicht verdrängen lässt, aber es braucht nur einen Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort, um ein Leben zu ruinieren. Mit dieser Tatsache habe ich täglich auf der Arbeit zu tun. Auch bei den Leuten, die irgendwann in einer Nussschale übers Mittelmeer kamen hat es einmal so angefangen.

Es ist fünf vor zwölf, warum hält jeder still?

Ich fürchte mich vor einer Zukunft, die keine ist, weil sie lediglich die Vergangenheit wiederholt. Ich möchte am liebsten weg von hier. Schwedisch lernen und so schnell es geht auswandern, um nicht den Punkt zu verpassen an dem es noch nicht zu spät ist. All die Geschichten über die Geschichte und mein Instinkt raten mir dazu.

Und doch wäre das falsch. Denn wenn ich gehe, dann hat das nur zur Folge, dass eine Person weniger sich diesem braunen Bodensatz entgegenstellt. Wenn ich gehe, dann ist es eine Proteststimme weniger.

Und deshalb müssen wir bleiben. Und Lauter schreien, als die AFD. Sonst geht es uns noch irgendwann wie dem jüdischen Mann aus der – zugegebenermaßen nicht ganz politisch korrekten- Anekdote vom Beginn des Zweiten Weltkrieges:

Er hat sein letztes Geld zusammengekratzt um aus Deutschland zu fliehen, bevor es nicht mehr geht und steht in einem Reisebüro. Die freundliche Mitarbeiterin zeigt ihm einen Globus und meint, er soll ihr sagen, wo er denn gerne hin möchte. Er betrachtet den Globus eingehend und überlegt bei jedem Land, ob es dort wohl nicht so weit kommen würde, wie in Deutschland. Nach einer Weile seufzt er kurz und fragt die Mitarbeiterin „Hätten sie nicht noch einen anderen Globus?“

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich gehe mir eine Regenbogenflagge ins Fenster hängen. Damit die armen Nazis wenigstens wissen, wohin sie zielen müssen.

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