Hallo zusammen.

Nachdem ich ja in der letzten Zeit arbeits- und terminbedingt (und auch ein ganz klein wenig aufgrund meiner psychischen Verfassung) in der Versenkung verschwunden bin, gibt es jetzt – ENDLICH – mal wieder einen Hannibaellchen-Beitrag, aber Vorsicht! It`s not cool, man und er wird lang.

Diesen möchte ich gerne auf zweierlei Art nutzen: Zum einen gibt es da ein paar… nennen wir es mal „Entwicklungen“, die mir in den letzten Wochen/Monaten unangenehm aufgefallen sind. Zum anderen möchte ich euch in diesem Eintrag ein wenig von einem Menschen erzählen, ohne den ihr das hier alles nicht lesen könntet, aber dazu später.

Um näher auf mein erstes Anliegen einzugehen: Warum wird herz- und hirnfrei gerade der aktuelle Modetrend?

Eigentlich ist es doch gar nicht so schwer. Einer der Filme aus meiner (zugegebenermaßen verkorksten) Jugend hat es mal schön auf den Punkt gebracht: „Be excellent to each other“ (Matheson/Solomon 1998) – entschuldigt die Quellenangabe, bin noch bachelorarbeitsgeschädigt. Hier etwas einfacher. Ein ganz simples Konzept. So simpel, dass es sogar zwei Vollpfeifen wie Bill und Ted verinnerlichen konnten. Und trotzdem scheint es wohl für einen Großteil der Menschheit noch immer zu unverständlich zu sein. Egal wo ich mich zurzeit auch umhöre, jeder klagt im Grunde über dasselbe Problem: Den Totalausfall von Verstand und Empathie beim Kontakt mit eigentlich „professionellen“ Stellen.

Davon haben Noelana und ich in der letzten Zeit genug erlebt, um fünf Blogeinträge damit zu füllen. Wir dachten, dass mit der Abgabe meiner Arbeiten und ihrer Notenbekanntgabe endlich wieder etwas vorangeht und dass der Tiefpunkt nun überwunden ist. Das ist zwar definitiv der Fall (ich will ja nicht immer nur unken), aber sich aus dem Tief heraus zu kämpfen ist aktuell doch schwieriger, als es sein müsste. Zum einen ist da immer noch unsere aktuelle Jobsituation. Oder besser: Die Kein-Job-Situation. Die Lage an dieser Front ist gerade enorm frustrierend für uns beide. Nicht, weil es keine Jobs gäbe, oder wir ständig Absagen bekommen. Im Gegenteil, wir wären stellenweise inzwischen sogar FROH über Absagen, weil wir dann zumindest irgendein Lebenszeichen von den potentiellen Arbeitgeber_innen hören würden. Stattdessen treibt die offensichtliche Unfähigkeit, der betreffenden Leute, wie normale Menschen zu kommunizieren immer seltsamere Blüten. So hat Noelana beispielsweise vor nicht ganz zwei Wochen eine Absage für eine Stelle erhalten, die sie Mitte Dezember angeschrieben hatte. Der Grund: Die Stelle wurde aus organisatorischen Gründen nie besetzt. Eine andere Stelle wollte sie Anfang Februar unbedingt und jetzt sofort zu einem Vorstellungsgespräch einladen, einen Tag nachdem sie die Bewerbung losgeschickt hatte. Die Stelle hatte es laut diesem Gespräch ja sooo eilig und am liebsten wäre es ihnen, wenn sie bereits ab Mitte Februar anfangen könnte. Seit diesem Gespräch – ihr ahnt es – herrscht absolute Funkstille. Nicht mal auf Nachfragen wurde reagiert. Tote Hose. Als ob es die Einrichtung nie gegeben hätte. Da stellt sich schon die Frage, wie das erst wäre, wenn Noelana nicht sofort für den nächsten Tag alles umgeschmissen hätte und zum Vorstellungsgespräch gerannt wäre.

Aber keine Angst, werte Leserschaft, denn auch darauf gibt es eine Antwort! Leider ist sie um keinen Deut besser. Dieses Szenario darf ich nämlich gerade durchexerzieren. Ich habe ja nun auch bereits die ein oder andere Bewerbung geschrieben und – man sehe und staune – wurde daraufhin vor einiger Zeit auch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Mit einer äußerst freundlichen Mail, deren Inhalt lediglich lautete: „Vielen Dank für die Zusendung Ihrer Unterlagen. Bitte kommen sie am xx.xx.2017 um 14:00 Uhr zum Vorstellungsgespräch. Bitte bestätigen Sie diesen Termin vorab.“ Nun ist es leider so, dass ich ja bis zur endgültigen Benotung meiner Arbeiten noch immer Studentin bin, und wie bereits an früherer Stelle geschrieben keinen Anspruch auf Geld von Staat habe. Halb so wild, ich habe ja tatsächlich einen Nebenjob, der ein wenig einbringt. Der geht von 13:00 bis 16:00 Uhr und wir brauchen ihn aktuell eben, also kann ich es mir eigentlich nicht leisten, so kurzfristig Arbeitszeit zu versäumen. Deshalb habe ich der netten Dame, die mir den Termin zugeteilt hat zurückgeschrieben. Ich habe ihr erklärt, dass ich an dem besagten Datum keine Zeit hätte, aber jederzeit vormittags, freitags sogar ganztags zur Verfügung stünde. Wenn man den Termin auf die Woche darauf verlegen könnte, könnte ich es dann sogar auch nachmittags einrichten. Ich habe wirklich versucht, klarzumachen, dass ich mich gerne nach ihnen richte, nur dieser eine vorgeschlagene Termin klappt eben nicht.

Die Antwort darauf: „Freitags können wir grundsätzlich keine Termine wahrnehmen. Für einen Vormittagstermin müssen wir erst unsere Dienstpläne absprechen. Wir melden uns bei Ihnen.“ Noch immer nicht gerade freundlich, aber was solls. Sollen sie sich absprechen. Denkste! Ich bin aussortiert, weil ich es gewagt habe, den Termin nicht wahrzunehmen. Woher ich weiß, dass die sich nicht einfach immer noch beraten müssen? Ich habe angerufen, am Tag bevor der ursprüngliche Termin stattgefunden hätte. „Oh ja, also… Die Kollegin ist gerade nicht da, die ist kurz Essen. Aber sie ruft sie in zehn Minuten nochmal zurück.“ Zwanzig Minuten später: (schon merklich angepisst ob der doppelten Störung der Mittagsruhe) Ja, nein, die Kollegin ist noch nicht da. Sie meldet sich aber sofort bei Ihnen. (besonders deutlich) Sie hat ja ihre Nummer.“ Seitdem ist ebenfalls Funkstille und ich werde tatsächlich weggedrückt (!) wenn die dort meine Nummer auf dem Telefon sehen. Das Gespräch scheint dann ja auch nicht so wichtig zu sein und irgendein Depp findet sich schon, der ihre gnädiger Weise verpassten Termine auch einhalten kann und bei dem man nicht – welch schauerlicher Gedanke – auch noch etwas UMPLANEN müsste… Nein, das kann ich mal schön vergessen.

Nun muss man sagen, dass ich mich ja nicht das erste Mal im Leben irgendwo bewerbe. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, jemals von so vielen Stellen keinerlei Lebenszeichen erhalten zu haben. Mein früherer Ausbildungsberuf brachte es mit sich, dass ich eingegangene Bewerbungen bearbeitete. Wenn ich Leute, die sich die Mühe gemacht hatten, eine Bewerbung an uns zu schicken derart hätte zappeln lassen, dann hätte man mir das Gehalt gekürzt. Zumindest eine Standartmail im Monat war ein Muss, sonst gabs auf den Deckel. Und potentielle Arbeitnehmer_innen wegen einer Terminvereinbarung derart auflaufen zu lassen, hätte mich den Kopf gekostet, weil jede_r Bewerber_in, der beschissen behandelt wird, es weitererzählen könnte beim/bei der nächsten Arbeitgeber_in.

Aber vielleicht bin ich was das angeht auch einfach nur verwöhnt. Immerhin war ich ja auch in der freien Wirtschaft tätig. Mit solchen Banalitäten kann man sich in der Sozialen Arbeit natürlich nicht abgeben. Immerhin geht es da um Menschenleben! Nur eben nicht um meines, das muss ich schon verstehen.

Ähnlich kompetent verhält man sich übrigens auch mit dem Jobcenter und dem Finanzamt. Wie ihr inzwischen mitbekommen habt, hat Noelana, ja nun endlich ihre Note und damit die Möglichkeit, aufs Amt zu rennen und Arbeitslosengeld II – auch Hartz IV genannt – zu beantragen. Was das bedeutet, dürfte denke ich jedem so einigermaßen klar sein: Formulare, Anträge und Nachweise bis man darin erstickt. Zum Glück hat Noelana ja bereits in diesem Bereich gearbeitet, weshalb sie wusste, was genau wir denn alles brauchen und da schon mal was vorbereitet hat. Der Stapel Papiere, mit dem wir also zum Jobcenter eingerückt sind hatte ungefähr den selben Umfang wie ihre Masterarbeit, aber was solls, immerhin ist das Ganze dann schnell über die Bühne.

Das heißt: Es wäre schnell über der Bühne, wenn die gute Sachbearbeiterin vom Amt nicht vollkommen überfordert damit gewesen wäre, dass wir tatsächlich ALLE Unterlagen bereits dabei hatten. Sie ratterte ihre Liste herunter und saß schließlich irgendwann in einem Stapel Papier begraben vor uns und sah recht verloren aus. Nach etwa zwanzig Minuten des für eine Stunde veranschlagten Termins meinte sie schließlich etwas hilflos: „ Ja, dann hätt ich alles, was ich brauche. Das tut mir leid, jetzt müssen sie ja so lange warten… (wir hatten anschließend gleich auch noch einen Termin bei der Arbeitsvermittlung). Zudem setzte sie hinzu, dass sie den Bescheid dann ja gleich noch am Folgetag, spätestens aber am nächsten Montag fertig machen würde. Dieser besagte Montag ist nun eine Woche her und – man glaubt es kaum – bisher ist kein Fitzelchen von diesem Bescheid im System eingetragen. Woher wissen wir das? Tja, Conection 😉 bzw. Noelanas alte Arbeitskolleg_innen, welche rein zufällig beim Jobcenter tätig sind. Nun ja, immerhin kann man wahrscheinlich noch von Glück sprechen, dass Noelanas Arbeitsvermittler aufgrund ihres Lebenslaufes und der Tatsache, dass sie von den Kompetenzen her leicht seine Chefin sein könnte, davon absah, ihr ein Bewerbungstraining zum Zwecke der Statistikaufhübschung anzudrehen. Immerhin etwas also.

Das Finanzamt macht übrigens ähnliche Sperenzchen. Noelana hat vor etwa fünf Monaten Steuererklärungen für ihre Studienzeit abgegeben. Der Bescheid, der uns nun endlich erreicht hat besagt, dass ihr eine Rückzahlung von nicht geringer Größe zusteht. Allerdings weigert sich das Finanzamt diese auszubezahlen. Es behält das Geld lieber als Gutschrift ein, für den Fall dass sie mal was zahlen müsste. Auf die Frage warum das so gemacht wird, kamen zuerst ein paar wilde Erzählungen, dass das Ganze einbehalten wird, bis sie steuerpflichtig arbeitet, gefolgt von einem genervten aber endgültig klingenden „das ist nun mal die Vorgehensweise“. Blöd nur, dass Noelana bei ihrer letzten Steuererklärung, trotz Fehlen eines steuerpflichtigen Einkommens, eine Auszahlung bekommen hat. Was soll man da noch machen außer mit den Schultern zucken? Also liebes Finanzamt: Wir hätten gerne wenn Noelana wieder arbeitet die Rückzahlung inklusive der Zinsen, die sie in der Zeit, als sie auf eurem Konto rumgammelte erwirtschaftet hat. Das dürfte dann für zwei neue Laptops UND die Nintendo Switch reichen und vom Rest können wir den Umzug meines Vaters bezahlen… *Seufz* Man wird ja wohl noch träumen dürfen… Ich könnte noch einige Zeit so weitermachen, aber ich glaube man sieht schon, worauf ich hinaus will. Es geht voran, allerdings aus irgendeinem Grund bergauf bei Glatteis mit Rollschuhen.

Aber genug gejammert, der zweite Teil dieses Beitrages steht ja immernoch aus, dabei ist mir gerade dieser Teil ein großes Anliegen. Wie oben bereits angesprochen möchte ich euch von einem sehr besonderen Menschen erzählen: Meiner Mutter. Noelana hat euch ja bereits erzählt, dass sie vor kurzem verstorben ist. Aber keine Angst, ich möchte an dieser Stelle nicht über ihren Tod reden, sondern lieber über ihr Leben. Das ist für alle Seiten angenehmer und wird ihr auch mehr gerecht.

Die Familie meiner Mutter lebte (und lebt eigentlich immer noch) in einem kleinen, sehr bäuerlichen Dorf in unserer Nähe. Ich würde gerne beschreiben, wie idyllisch sie doch dort aufgewachsen ist, aber das entspräche nicht der Wahrheit. Zum einen, weil mir das Wort „Idylle“ für die betreffende Gegend nicht unbedingt passend erscheint, es sei denn man steht auf spinnwebverhangene Erdkeller und Misthaufen neben dem Dorfplatz. Zum anderen, weil meine Mutter dort nicht so viel Zeit verbracht hat, wie es für ein idyllisches Aufwachsen wohl nötig wäre. Bei der Geburt meiner Mutter wurde ihr nicht rechtzeitig Sauerstoff zugeführt. Ein ärztlicher Fehler, der dazu führte, dass sie zeitlebens unter einer spastischen Lähmung litt. Sie konnte ihre Arme und Hände nicht richtig bewegen und war eigentlich fast immer irgendwo verkrampft. Zudem hatte sie durch die lange Unterversorgung Schwierigkeiten mit dem Sprechen. Mit einer solchen Beeinträchtigung in einem kleinen Kuhkaff zu leben ist natürlich schwierig bis unmöglich. Glücklicherweise erkannten ihre Eltern das frühzeitig und versuchten, sie so zu fördern, dass sie ihr Leben dennoch meistern konnte. Zu der damaligen Zeit beinhaltete dies allerdings die Unterbringung in einem speziellen – wie meine Mutter es nannte – Mädchenheim. Man mag davon halten was man will, aber es funktionierte einigermaßen. Als meine Mutter älter wurde, kam sie gut alleine zurecht. Sie fand eine Beschäftigung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, die sich im Speckgürtel der Stadt befand, in der Noelana und ich leben. Sie baute sich ein eigenes Leben auf und engagierte sich sogar politisch für sich und ihre Kolleg_innen in der Werkstatt. Dort lernte sie auch meinen Vater kennen (er machte damals dort seinen Zivildienst, der alte Hippie…) und lieben und ein paar Jahre und eine Hochzeit später kam ich dabei raus. Die beiden zogen mit mir aufs Land und wir als Familie führten ein stinknormales bis (zumindest laut Meinung meines 15-Jährigen Ichs) gähnend langweiliges Leben.

So ist zumindest die Kurzfassung. Ich denke nicht, dass ich euch erzählen muss, dass dieser Lebenslauf in der Praxis alles andere als einfach zu gestalten war. Auf dem Weg zu dieser Familie und diesem Leben gab es zahlreiche Hindernisse von allen Seiten und wenn ich den Erzählungen meiner Familie so lausche, dann scheint meine Mutter kein einziges davon jemals ausgelassen zu haben. Aber – und das ist der Grund, warum meine Mutter ein so besonderer Mensch war – sie hat immer weitergemacht. Sie hat gekämpft. Vor allem für Dinge, die für andere Menschen selbstverständlich waren. Für Dinge, von denen ihr jeder sagte, dass sie sie aufgrund ihrer „Andersartigkeit“, wahrscheinlich nie erreichen würde. Sie hat dafür gekämpft, ihr Leben so zu führen, wie sie es für richtig hielt und dabei – bitte entschuldigt die bildliche Formulierung – allen Miesepetern mal schön den Mittelfinger gezeigt. Und das ist etwas, dass mir gerade sehr viel Mut macht. Meine Mutter spielte das Spiel des Lebens seit ihrer Geburt mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad, aber sie hat nicht einmal den Controller in die Ecke gepfeffert und aufgegeben. Und sie hat am Ende genau die gleiche Punktzahl erreicht, wie all diejenigen, die auf „leicht“ spielen. Jeder der in seinem Leben bereits einmal Tetris gespielt hat weiß, dass man ihr das erstmal nachmachen muss…

Als Kind ist einem das natürlich noch nicht so bewusst, aber je älter ich werde, desto mehr weiß ich diese indirekte Lebenslektion zu schätzen, denn im Grunde sind Noelana und ich gerade in einer recht ähnlichen Situation. Durch unsere Homosexualität und den Wunsch, als Frauenpaar eine Familie zu gründen, haben wir auch gehörig an der Schwierigkeitseinstellung gedreht. Es ist frustrierend und manchmal macht es einen unglaublich wütend. Aber wenn aufgeben keine Option ist, dann kann man an so etwas nur wachsen. Ich finde es sehr sehr schade, dass sie das Hummelchen nun nicht mehr mitbekommen wird. Ohne ihr Beispiel hätte sie aber wahrscheinlich nicht mal mitbekommen, dass es geplant wird, weil ich mir gar nicht zugetraut hätte, all die dafür notwendigen Hürden zu nehmen. Ich weiß, dass das Hummelchen, Noelana und ich ein Leben führen können, wie WIR es wollen, allen Unkenrufen zum Trotz. Und diese Gewissheit verdanke ich ihr.

In diesem Sinne: Danke Mama! Ich hab dich lieb.

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