Hallo ihr Lieben…

wieder sind ein paar Tage seit meinem letzten Blogeintrag vergangen und da es nicht viel Neues zu berichten gibt, außer dass heute meine Regel kam und wir in den zweiten Pausenzyklus starten, habe ich beschlossen einmal einen eher philosophischen Artikel zu verfassen. Wie die Gretchen-Frage im Titel schon anklingen lässt, möchte ich euch hier etwas über meine Meinung zu Glaube und Religion erzählen.

Das ist ein gefährliches Thema. Eines, bei welchem man Menschen leicht auf die Füße treten kann, eines das viel Leid und Krieg verursachte und welches nicht selten aus guten Freund_innen ewige Feind_innen gemacht hat und Familien spaltete. Über Glaube und Religion spricht man nicht, beziehungsweise spricht man dann nicht, wenn man anderer Meinung ist, als sämtliche weitere Personen im Raum, denn: Viele Menschen fühlen sich hier sofort persönlich angegriffen und beleidigt. Glaube ist eben, wie der Name schon sagt nicht rational begründbar und damit ein schwieriges Pflaster, auf welchem wissenschaftliche Erkentnisse und Fakten völlig hinfällig sind.

Durch einen öffentlichen Post in einem sozialen Netzwerk wurde ich gerade wieder mit dem Thema Glaube und Religion konfrontiert. Ich habe mir schon oft und lange meinen Kopf hierzu zerbrochen und komme trotzdem nicht weiter in meinen Überlegungen. Ich stamme, wie die ein oder andere Person bereits weiß, aus einem kleinen Dorf in Oberbayern. Katholische Religion spielte meine gesamte Kindheit hinweg eine große Rolle. Dies zeigte sich nicht nur im verpflichtenden Besuch der Sonntagsgottesdienste, meiner Taufe, Kommunion und Firmung, oder den katholischen Festtagen, sondern auch in kleinen Dingen wie dem täglichen Mittagsgebet. Meine Eltern sind beide sehr gläubig, so bekleidete mein Vater beispielsweise lange Zeit ein höheres Amt in unserer Kirchengemeinde und mein Bruder war lange Zeit Ministrant (das sind die Jugend und Mädchen mit den weißen Kleidchen, die dem Pfarrer beim Gottesdienst zur Hand gehen). Obwohl ich schon als Kind sehr ungern zur Kirche ging, war es dort doch meist langweilig und kalt, war ich begeistert vom Religionsunterricht in der Schule. Ich merkte mir viele Details und konnte auf Fragen des Pfarrers während der Kindergottesdienste nicht selten als Einzige richtig antworten („Wann beginnt die Kirchenwoche?“ – „Am Sonntag!“). Es war für mich selbstverständlich, dass es einen Gott gibt, Jesus sein Sohn für uns gestorben ist und so weiter und so fort…

Irgendwann, ich war gerade 16 geworden, wurde mir klar, dass ich mich von Frauen angezogen fühle. Ich sammelte meine ersten gleichgeschlechtlichen Erfahrungen und war bald darauf mit meiner ersten festen Partnerin zusammen. Meine Eltern erfuhren davon etwa ein halbes Jahr später und so normal sich das alles für mich anfühlte, so unnormal fanden es meine Eltern. Sie ließen mich deutlich spüren, dass sie meine Freundin nicht tolerierten, versuchten den Kontakt einzuschränken, wenn sie ihn schon nicht verbieten konnten und wiesen mich mehr als einmal darauf hin, dass meine Verbindung nicht gottgewollt sei. Zum ersten Mal in meinem Leben merkte ich, dass dieser wohlwollende Gott von dem mir immer alle erzählten, seine Liebe anscheinend an Bedingungen knüpfte und ich eine solche Bedingung nicht erfüllte. Als Kind wurde mir vom Nikolaus öfter gesagt, dass der liebe Gott wisse, dass ich meine Hausschuhe zu selten trage, oder ab und zu gemein zu meinem Bruder sei. Der Nikolaus ermahte mich im Namen Gottes und ich versprach mich zu ändern. Daraufhin gab es Nüsse, Mandarinen und Schokolade. Doch wie ändert man seine Sexualität und ist das überhaupt erstrebenswert, nur weil Gott das angeblich möchte? Ich akzeptierte meine Gefühle so wie sie waren und wollte mich nicht ändern, aber Andere wollten das, weil Homosexualität mit ihrem Glaube nicht vereinbar sei. Zu dieser Zeit fing ich an zu begreifen, dass Glaube und Religion zwei voneinander getrennt zu betrachtende Themen sind.

Zwei Jahre später zog ich von Zuhause aus und von diesem Moment an war Religion kein Teil meines Lebens mehr. Ich ging nicht mehr zur Kirche, sprach keine Mittagsgebete und dachte kaum mehr an solche Dinge. Ich fing an mich politisch zu interessieren, studierte Soziale Arbeit und führte viele spannende Diskussionen mit meinem neuen Freundeskreis. Während ich früher nur ahnte, dass Religion (katholische) nicht so nächstenliebend ist, wie sie vorgibt, wurde für mich der zutiefst exklusive Charakter von Religion zur Gewissheit. Gott liebt jeden Menschen, doch die katholischen, heterosexuellen, zurückhaltenden, unauffälligen Schäfchen liebt er noch ein bisschen mehr. So möchte es uns zumindest die (katholische) Religion verkaufen. Auf Grundlage dieser Lehrmeinung darf sich ein Papst gegen Verhütung aussprechen, oder eine CSU für Flüchtlingsobergrenzen plädieren. So ist es möglich Phädophilie zu verdecken, Abtreibung zu verdammen, (nicht heterosexuelle) Liebe zu verbieten, Scheidung nicht anzuerkennen und von den Gläubigen eine stoisches Vertrauen in die Obrigkeit zu erwarten. Auf diesen „christlichen Werten“ fußt unsere gesamte Gesellschaft. Diese Religion predigt Nächstenliebe und praktiziert aktiv Spaltung und Verleugnung. Nicht wenige Menschen zerbrachen daran, weil sie den Anforderungen dieser Kirche nicht gerecht werden konnten, so sehr sie es versuchten.

Für mich war klar, dass ich niemals Teil einer solchen Religion sein möchte, doch wie ich oben schon schrieb, müssen Glaube und Religion getrennt voneinander betrachtet werden. So fing ich also an mir Gedanken darüber zu machen, ob ich gläubig bin, ob ich also ein irgendeine höhere, gottähnliche Macht glaube – egal wie diese_r Gott/Göttin/Götter/Göttinnen aussehen könnte. In meinem Freundeskreis befinden sich Menschen mit unterschiedlichsten Glaubensausformungen – von christlich und muslimisch über buddhistisch bis hin zu heidnisch oder vollkommen eigenständig. Ich führte mit jeder einzelnen dieser Personen lange Diskussionen, hörte mir deren Idee von Glaube an und was sie dazu bewegt zu glauben und je intensiver diese Gespräche wurden, desto deutlicher wurde mir, dass ich meine Gegenüber nicht verstand. Ich fing an in mich selbst hinein zu horchen und diskutierte lange Nächte mit meiner Frau bis ich mir irgendwann sicher war, nicht gläubig zu sein. Ja, ich glaube an nichts. An keine_n Gott/Göttin/Götter/Göttinnen, nicht an ein Leben nach dem Tod, nicht an eine Hölle oder einen Himmel, nicht an Geister, nicht an Totems, oder was auch immer. Ich gehe sogar noch weiter, ich meine zu begreifen, welchen Sinn Glaube im Leben vieler Menschen spielt und deshalb toleriere ich den Glauben der meisten Menschen, aber ich akzeptiere ihn nicht.

Wie komme ich zu dieser sehr radikalen Einschätzung? Ich würde mich als sehr rationalen Menschen bezeichnen und genau da findet sich auch die Erklärung auf diese Frage. Ich hörte mir an, warum andere Menschen glauben. Die häufigste Begründung, welche an mich herangetragen wurde war dabei, dass es beruhigend sei zu wissen, dass eine mächtigere (allmächtige) Macht Dinge zum Guten beeinflussen kann. Egal ob nun ein Christ/eine Christin dafür betet, dass der Hunger der Welt gestillt wird, oder ein Heide/eine Heidin ein Regenritual abhält, oder einfach nur ein Stoßgebet an Irgendjemanden für den positiven Ausgang des bevorstehenden Bewerbungsgesprächs gesprochen wird, Ziel ist es immer die Zukunft zu beeinflussen. Glaube stellt hier somit die Hoffnung an eine Vorsehung dar, welche „die Dinge schon richten wird“. Das kann entlastend wirken, denn man ist nicht selbst schuld, wenn etwas nicht klappt, aber es kann auch ins Gegenteil umschlagen. Wenn wir selbst nicht für unser Leben verantwortlich sind, sondern alles „Schicksal“ oder „Gottgewollt“, warum sollten wir dann dafür arbeiten? Hier kann es sogar richtig verletztend werden, nämlich dann, wenn wir anfangen daran zu glauben, dass etwas passiert ist bzw. nicht passiert, weil Gott* es (nicht) möchte („Es ist Schicksal, dass ich kein Kind bekomme.“). Ich persönlich glaube nicht an Schicksal. Ich glaube an die eigene Lebensverantwortung, die Freiheit der eigenen Person und natürlich auch an komplexe Systeme in denen wir uns bewegen und welche das ein oder andere wahrscheinlicher machen, als das andere (z.B.: ist es wahrscheinlicher als Mann einen gut bezahlten Job zu bekommen, als als Frau). Durch diese Einstellung mache ich mich selbst vollständig verantwortlich für meine Entscheidungen und mein Leben. Mir ist es möglich gegen die Umstände auf der Welt zu protestieren und mich frei von Zwängen auszufalten.

Als weiteres Argument für einen Glaube wird der häufig damit einhergehende Verhaltenskodex genannt. Der Glaube binde Menschen an Verhaltensweisen wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Er ermögliche ein positives Zusammenleben und vermittle Werte die in einer Gesellschaft unerlässlich sind. Da stellt sich mir sofort die Frage: Kann ich diese Werte nur vertreten, wenn ich gläubig bin? Ich würde mich selbst als sehr menschenfreundlich bezeichnen. Ich kämpfe für unterdrückte Gruppen, bin hilfsbereit und akzeptiere Andere so wie sie sind und das alles, ohne zu glauben. Ist es nicht eher schade, dass Menschen eine Rechtfertigung dafür bedürfen, warum es sinnvoll ist, nett zueinander zu sein. Soll mein Kind freundlich zu anderen sein, weil es das selbst richtig findet, oder weil Gott möchte, dass es so ist? Wohl eher Ersteres würde ich sagen.

Damit einher geht der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Hier wird eine Urangst des Menschen bedient. Die Angst davor wieder weg zu sein, unbedacht und unbetrauert. Dabei wird dieses Leben nach dem Tod häufig wiederum an Bedingungen geknüpft. „Warst du gut, kommst du in den Himmel, warst du schlecht, kommst du in die Hölle!“ Hier suggeriert der Glaube einem Menschen Belohnung oder Bestrafung je nachdem, wie das eigene Leben geführt wurde. Es findet somit eine emotionale Erpressung statt „gut“ zu sein, auch wenn man das selbst eventuell garnicht möchte. Ist es nicht schade, dass es Menschen gibt, die einen Glauben vertreten, der dem Menschen selbst abspricht, dass er/sie von sich aus freundlich und nett zu anderen ist? Der Glaube an ein Leben nach dem Tod betrachtet das Leben meist als Vorstufe zur Vollendung. Das Leben ist demnach nur der steinige, entbehrungsreiche Weg zu etwas Besserem (dem Nirvana, dem Paradis, dem Himmel, etc.). Auch mit dieser Einstellung kann ich mich nicht anfreunden. Führt es nicht unweigerlich zu Verbitterung, das eigene Leben immer nur als schwere Bürde zu betrachten? Ein Zitat aus einem Lied lautet: „Wir sind längst im Paradis, haben die Hölle draus gemacht!“ und genau so sehe ich die Sache. Für mich ist das Hier und jetzt mein Paradis. Ich kann bestimmen, wie positiv und offen ich meinem Leben entgegenblicke. Ich brauche kein Leben nach dem Tod, denn mein Leben ist wunderschön, jede Sekunde die ich lebe…

Glaube ist für mich somit häufig nichts anderes als eine Rechtfertigung – eine Rechtfertigung für die eigenen Taten, eine Rechtfertigung eh nichts Ändern zu können und diese Rechtfertigung brauche ich nicht. …Gut, es mag auch Glaube ohne Rechtfertigungen geben. Es mag Menschen geben die einfach nur an übernatürliche Dinge glauben, ohne sich von diesen beeinflussen zu lassen (Meine Frau gehört zu dieser Fraktion). In diesem Fall tut Glaube niemandem weh. Mit einem solchen Glauben könnte ich leben (auch wenn ich selbst weiterhin nicht glaube). Ich möchte niemandem seinen/ihren Glaube absprechen, denn Glaubensfreiheit ist ein Menschenrecht und das schließt für mich die Freiheit zum Glaube, vom Glaube aber auch zur öffentlichen Glaubensausübung ein. Ich plädiere lediglich zu einem reflektierten Umgang damit, was wir uns von unserem Glauben erhoffen, denn dieser sollte nicht als Rechtfertigungsgrund oder als Möglichkeit sich vor den eigenen Ängsten zu verschließen fungieren, denn Trost und Hoffnung findet sich viel leichter im sozialen Miteinander als im verzweifelten Klammern an Ungewissheiten….

Sooo, soviel von meiner Seite. Ich würde mich natürlich sehr über den ein oder anderen Gedankenanstroß von euer Seite freuen!

liebe Grüße und schlaft gut!

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