Einige von euch mögen den Grund für die lange Zeit, ohne neu veröffentlichten Blogeintrag bereits ahnen. Ja, es hat wieder nicht geklappt. Wir sind nicht schwanger. Es gab kein Weihnachtskind für uns. Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und das Hannibaellchen und ich möchten hier noch einmal über die letzten zwölf Monate reflektieren. Begleitet uns dabei…

2016 war ein schwieriges Jahr – nicht nur allgemein, sondern auch für uns beide. Am Anfang standen einige Hoffnungen. Wir planten beide unsere Studien abzuschließen, Jobs zu finden, Geld anzusparen und natürlich ein Baby zu bekommen. Während uns klar war, dass sich eine Schwangerschaft nicht nach den eigenen Vorstellungen richtet, erschienen uns andere Sachen wie selbstverständlich. Nun, kurz vor Silvester müssen wir leider einsehen, dass auch da einiges nicht geklappt hat. Natürlich kann es immer schlimmer sein und Schicksalsschläge hatten wir keine dieses Jahr und trotzdem gehen wir mit einer eher gedrückten Grundstimmung ins nächste Jahr. Nun aber noch einmal von vorne…

Wie ihr ja wisst, studieren meine Frau und ich beide Soziale Arbeit. Sie im Bachelor, ich im Master. Wie ihr schon merkt, benutze ich das Präsenz, denn daran hat sich nichts geändert. Meine Frau befindet sich derzeit im neunten Semester, ich im Vierten. Das Hannibaellchen plante von Anfang an nicht in der Regelstudienzeit von sieben Semestern ihr Studium abzuschließen, wobei ich sie sehr untersützte. Ich selbst war aus finanziellen Gründen dazu gezwungen gewesen mein Bachelorstudium so schnell wie möglich zu beenden und das schadete zwar nicht meinen Noten, aber auf jeden Fall meiner persönlichen Entfaltung. Sie sollte mehr Zeit haben. Das Hannibaellchen erhielt bis zum siebten Semester (Oktober 2015) Bafög. Seitdem müssen wir irgendwie selbst die nötigen Mittel auftreiben. Ich erhielt eine monatliche Unterstützung durch meine Eltern und wir jobten beide als Nachhilfekräfte. Für einige wenige Monate, ein Semester, erschien uns das ausreichend. Wir beide sind sehr sparsam, brauchen keine teuren Dinge und können beide gut verzichten. Unser einziger Luxus, der sich eher zufällig ergab ist unsere sehr große Wohnung (80 qm aufgeteilt auf vier Zimmer). Hier lebten wir früher als WG mit einer Freundin und nachdem diese kurz vor unserer Verpartnerung im April 2015 auszog, mussten wir uns zwischen Wohnungssuche und teurem Umzug, Kaution, etc., oder wunderschöner, komplett ausgestatteter, gut gelegener, etwas teurerer Wohnung, entscheiden. Mit der Perspektive nicht mehr ewig Studentinnen zu sein, blieben wir also in unserer Wohnung, die unser Konto jeden Monat aber doch ganz schön schmälert. Schon Ende 2015 zeichnete sich etwas ab, nämlich ein immer tieres Loch in das das Hannibaellchen drohte abzustürzen. Schon sehr früh im Jahr wurde Klar, dass sie auch mit acht Semestern ihr Studium nicht beenden können würde, obwohl nur noch wenige Leistungen bis zum Abschluss fehlten. So machte ich mich auf die Suche nach einem Teilzeitjob als Sozialpädagogin, welchem ich neben meinem fast beendeten Masterstudium nachgehen könnte. Dieser fand sich eher zufällig bei genau der Stelle, bei welcher das Hannibaellchen und ich schon seit längerer Zeit als Nachhilfekräfte tätig waren. Dort konnte ich als Krankheitsvertretung auf unbestimmte Zeit angestellt werden. Das bedeutete zwar keine Jobsicherheit, aber die war mir als noch-Studentin nicht besonders wichtig und unsere finanzielle Situation verbesserte sich dadurch drastisch. Obwohl meine Eltern sofort die monatliche Unterstützung einstellten, hatten wir dennoch plötzlich doppelt so viel Geld zur Verfügung wie vorher.

Irgendwann im Frühsommer durchlebte das Hannibaellchen wohl eine Art Coming-Out, denn sie gestand sich selbst und dann auch mir, dass sie unter Depressionen leidet. Das Studium lag zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger schon seit Wochen auf Eis und nachdem sie sich nun eigenstanden hatte, woran es lag, beschloss sie sofort etwas daran zu ändern. Ich bewundere ihre Tatkraft die sie an den Tag legte, denn schon wenig später ging sie mit ihrem Problem zu ihrem Hausarzt und wie der Zufall so wollte, gab es an der Universität in der Nachbarstadt derzeit ein verhaltenstherapeutisches Projekt mit an Depression Erkrankten, an welchem sie sofort teilnehmen konnte. Sie nahm die Aufgaben und Therapiestunden sehr ernst und konnte sich nach und nach wieder etwas aus ihrem Loch heraushangeln, schaffte es sogar wieder ein wenig für die Hochschule zu arbeiten und selbst einen kleinen Job, zusätzlich zu den Nachhilfestunden anzunehmen. Zu dieser Zeit beschlossen das Hannibaellchen und ich, dass es nun an der Zeit sei unseren Kinderwunsch anzugehen. Auch im Nachhinein betrachtet, würde ich es nicht anders machen, auch wenn ich nun weiß, wie viel Zeit, Energie und Lebensfreude dadurch in den letzten Monaten verbraucht wurde. Uns beiden fiel es nicht schwer weiter sparsam zu leben und sämtliches zusätzlich verdientes Geld in die Kinderwunschbehandlung zu stecken. Ich erhöhte zwischenzeitlich mein Studenpensum auf 30 Wochenstunden – meinen Kolleg_innen zuliebe, aber auch in der Hoffnung, dann mehr Geld für die Kinderwunschbehandlung zu haben. Das stellte sich als fataler Fehler heraus, denn ich erhielt von der Krankenkasse falsche Informationen und gegen deren Aussage rutschte ich durch die Stundenaufstockung aus der studentischen Versicherung, musste Abgaben bezahlen und hatte unterm Strich weniger Geld als mit 20 Wochenstunden. Außerdem war ich so von einem Monat auf den nächsten nicht mehr kindergeldberechtigt. All dies währe ja schon genug, aber besonders deutlich zeigte sich dieser Fehler an meiner Masterarbeit, die ich zu dieser Zeit schrieb. Ich kam kaum noch voran, konnte mich nicht mehr ausreichend auf mein Thema konzentrieren und schaffte es nicht meinen Zeitplan einzuhalten. Obwohl ich schon im September wieder auf 20 Wochenstunden reduzierte war klar, dass ich den Abgabetermin Mitte Oktober kaum einhalten können würde und so beantragte ich eine Fristverlängerung, weshalb ich ein viertes Semester anhängen musste, und das Hannibaelchen schrieb sich zu ihrem neunten Semester ein. Im Oktober diesen Jahres konnte ich meine Arbeit endlich abgeben. Ich rechnete noch dieses Jahr mit meiner Note und dem Abschluss meines Studiums. Nun bat meine Dozentin um eine Kontrollfristverlängerung und ich stimmte unbedarft zu. Ein Fehler, wie ich hinterher bitter feststellen musste. Das Hannibaellchen, inzwischen Scheinfrei, muss noch zwei Arbeiten (eine davon ihre Bachelorarbeit) abgeben. Obwohl jetzt schon klar ist, dass sie im März ihr zehntes Semester beginnen wird, hoffen wir beide, dass sie nicht das gesamte halbe Jahr für ihren Abschluss benötigt und spätestens im März mit ihrem Studium fertig ist.

Ich selbst erfuhr bereits im Oktober, dass meine (monatlich befristete) Arbeitsstelle zum Ende des Jahres auslaufen wird. Die Kollegin, welche ich vertrat, war wieder gesund und kam bereits ab Mitte November zur Wiedereingliederung. Seit diesem Zeitpunkt suche ich eine neue Arbeitsstelle. Ich habe viele Bewerbungen geschrieben, kaum Antworten erhalten und die die ich bekam, waren Absagen. Das einzige Vorstellungsgespräch, endete in einer Absage am 23.12.2016. Wenige Tage vorher wurde uns klar, dass auch der vierte Babyversuch nicht geklappt hatte. Obwohl wir einen schönen 24. Dezember mit zwei wirklich guten Freunden, gutem Essen und dem letzten Einhorn, verbrachten, endete der Abend in einem Trauerausbruch meinerseits, wie ich selten einen habe. An diesem Abend wurde mir klar, dass ich nicht, so wie geplant, Anfang Januar zum Jobcenter maschieren und ALG II beantragen werde. Meine Masterarbeit ist noch nicht korigiert, kein Masterzeugnis ausgestellt. Ich gelte nach wie vor als Studentin, auch wenn ich seit Monaten in meinem Beruf arbeite und nicht mehr studiere. Als Studentin habe ich keinen ALG II-Anspruch. Das wurde mir an diesem Abend klar und so durchlebten das Hannibaellchen und ich sehr intensive, traurige Stunden in denen wir beide voller Verzweiflung auf die nächsten Monate schauten. Die einzige Lösung für dieses Problem stellen meine Eltern dar. Nur sie sind finanziell gut genug gestellt, um uns eine Überbückung zu ermöglichen. Diese Einsicht war aber verbunden, mit einer großen Überwindung meinerseits. Obwohl die Nacht sehr kurz war setzen wir uns am 25. Dezember ins Auto und fuhren die 200 Kilometer zu meiner Familie. Schon als wir ankamen war meine Oma mit vor Ort, was die Angelegenheit nicht erleichterte.

Ich habe hier sehr selten von meiner Familie berichtet. Das hat natürlich Gründe. Ich stamme aus einem kleinen Dorf in Oberbayern, Alpennähe. Die Leute reden Bayrisch, die Jungen werden Handwerker, die Mädchen Hausfrauen oder Erzieherinnen. Meine Oma arbeitet seit ihrer ersten Schwangerschaft schon nicht mehr, meine Mutter ist Frisörin auf 450-Euro-Basis. Das größte Ziel eines Menschen dort ist es früh eine/n gegengeschlechtliche/n Partner_in zu finden, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Auch wenn alle nach außen hin sehr offen, modern und tollerant wirken, sind diese Werte doch wie in Stein gemeißelt. Ich eckte mein ganzes Leben lang schon an. Nicht nur, weil ich für meine Schulbildung kämpfte, studieren wollte und nicht die Hobbys der Anderen teilte, sondern erst recht, als meine Homosexualität offenkundig wurde. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich aufgehört habe, mit meinen Eltern über meine Probleme zu reden, aber es war sehr früh. Mit 16 wurde ich mehr geduldet, als geliebt. Mein Vater teilte mir immer wieder mit, dass der einzige Grund, weswegen ich noch bei ihnen lebte der sei, dass er nicht zur Rechenschaft gezogen werden wollte, wenn ich außerhalb „irgendwelche Scheiße“ baute. Das Fiasko endte kurz nach meinem 18. Geburtstag mit einem Rauswurf. Ein Jahr Kontaktabbruch folgten, bevor eine langsame Annäherung von seinen meiner Eltern stattfand. Ich mag meine Eltern. Sie sind nette Menschen, die einfach schwer aus ihrem Tellerrand herausschauen können, aber sie bemühen sich. Sie haben viel gelernt in den letzten acht Jahren. Sie lieben mich und das merkt man. Sie mögen auch das Hanniabellchen und haben sie in die Familie aufgenommen. Es fällt mir nicht (mehr) schwer sie besuchen zu fahren und eine schöne Zeit mit ihnen zu verbringen… Noch schwerer als meine Eltern, traf mein Werdegang meine Oma. Sie, noch eine ältere Generation, versteht mein Leben einfach nicht. Es ist nicht so, dass sie es nicht tollerieren würde, sie kann es einfach nicht nachvollziehen. Jede meiner Entscheidungen, ist es nun die Beziehung zum Hannibaellchen, unsere Verpartnerung oder mein Studium wird kritisch gesehen und mit Aussagen wie: „Muss das denn auch noch sein?“ quittiert. Sämtliche Erfolge, die ich in der letzten Zeit verzeichnen konnte und davon gab es einige, werden von ihr zwar wohlwollend aufgenommen, doch Themen wie mein Übergewicht scheinen dagegen sehr viel wichtiger zu sein…

Nun kamen das Hannibaellchen und ich also am 25. bei meiner Familie an und ich musste diese zum ersten Mal seit langer Zeit um etwas bitten. Ich musste mich bloßstellen und erklären, weshalb ich keinen Job habe, weshalb wir kein Geld haben… Das wäre mir schon so weiß Gott nicht leicht gefallen. Doch die Anwesenheit meiner Oma, machte das nur noch schlimmer. Nach dem Austausch der Geschenke (und es waren wirklich tolle Geschenke) berichtete ich also davon, dass ich im Januar arbeitslos sein würde. Ich brach in Tränen aus, was mir vor meinen Eltern schon seit mindestens einem Jahrzehnt nicht mehr passiert war. Meine Eltern waren sehr verständnisvoll. Damit hatte ich auch gerechnet. Sie sind keine Unmenschen und sie möchten für mich da sein, aber trotzdem hat es sich wie ein Versagen angefühlt, wie ein Rückschritt… Sie versicherten mir, uns finanziell auszuhelfen und die Monate ohne Einkommen zu Überbrücken. Das war aber nur die halbe Angelegenheit, denn ein weiteres Thema lastete auf mir. Meine Eltern wussten genau, dass wir die letzten Monate sehr viel mehr Geld zur Verfügung hatten, als jemals zuvor und ich wollte sie nicht in dem Glauben lassen, wir hätten dieses verprasst. Das bedeutete aber, dass ich ihnen von unserer Kinderwunschbehandlung erzählen musste. Es war eine schwere Entscheidung für mich, aber als meine Oma ging, war mir klar, dass nun der richtige Zeitpunkt war, meinen Eltern davon zu berichten. Sie nahmen die Information besser auf, als ich gedacht hatte. Meine Mutter meinte sogar, sie würde sich freuen, aber natürlich kamen auch die zu erwartenden negativen Aussagen wie: „Muss das denn jetzt sein?“ Trotzdem fühlte ich mich erleichtert es gesagt zu haben.

Obwohl es keine schöne Aussicht ist das Jahr 2017 wieder in Abhängigkeit zu meinen Eltern zu beginnen, bin ich doch froh, dass ich weiß wie es weiter geht und wovon wir leben können. Ich hatte euch ja bereits erzählt, dass ein Freund von uns 2000 Euro zu unserer Kinderwunschbehandlung zuschießen möchte und das hat er nach wie vor auch vor. Es fühlt sich für uns aber falsch an, uns ausschließlich auf sein Geld zu verlassen und so möchten wir mit der Behandlung erst weiter machen, wenn auch ich wieder ein gesichertes Einkommen habe. Das heißt für uns nun, dass wir unseren ersten Pausenzyklus einleiten werden. Im Janur 2017 wird es kein Hibbeln bei uns geben. Auch wenn ich nie gedacht hätte, dass ich das jemals sagen werde, brauche ich diese Pause – nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Das Hannibaellchen litt noch viel mehr bei jedem negativen Test als ich. Sie drohte erneut in ihrer Depression zu versinken und war teilweise tagelang nicht mehr sie selbst. Auch ihr wird es gut tun einen Monat auszusetzen…

So beginnt für uns das Jahr 2017 in ein paar Tagen genauso, wie das Jahr 2016 begonnen hat. Kein beendetes Studium, kein Job, kein Baby… Nun können wir nur hoffen, dass sich das 2017 ändern wird…

Advertisements