Ja, ihr lest richtig 🙂 Es hat geklappt, wir waren in München und ich habe nun zwei Wochen Zeit, um mich dafür zu verteufeln, dass ich mich auf dieses Spiel aus Warten, Hoffen, Bangen und Enttäuschung eingelassen habe… aber ich fange wohl lieber von Vorne an!

Nachdem ich Vorgestern durch die positiven Ovulationstests und den Gynäkologinnentermin bestätigt bekommen habe, dass da ein sprungreifes Follikel zu finden ist, hatten wir ja, wie bereits erzählt einen Termin in München zur Insemination vereinbart. Ich war den ganzen Abend unglaublich nervös, hatte Angst, dass gleich mein Eisprung ist und wir morgen zu spät in die Klinik kommen. Daher testete ich munter mit meinen Ovulationstests weiter. Die Nacht war milde gesagt grausam. Ich konnte kaum schlafen, war sehr unruhig, habe mich hin und her gewälzt… Ende vom Lied war, dass ich um 6:00 Uhr aufrecht im Bett saß und mir dachte, dass es weder Sinn macht nun noch einmal zu versuchen einzuschlafen, oder die Zeit untätig weiter zu verhibbeln. Also habe ich mich fertig gemacht und bin, ja genau, arbeiten gegangen. Vorher machte ich allerdings noch einen weiteren Ovulationstest, der immernoch positiv zeigte – kein Eisprung in der Nacht – Erleichterung! Schon um 6:30 Uhr war ich an meiner Arbeitsstelle. Man merkt, ich brauche nicht lang im Bad und meine Arbeit ist nicht weit von meinem Zuhause entfernt 😀 ! Dort konnte ich mich natürlich, wie nicht anders zu erwarten, ebenfalls nicht konzentrieren und habe kaum etwas Nützliches getan. Das war allerdings nicht weiter schlimm, schließlich kamen die erste Kollegin und der erst Kollege erst eine Stunde später.

Ich hatte mich für kurz vor 9:00 Uhr mit dem Hannibaellchen am Bahnhof verabredet. Unser Zug nach München sollte um zehn nach Neun fahren. Nachdem ich die Zeit also so gut wie möglich totgeschlagen hatte, brach ich Richtung Bahnhof auf, natürlich nicht ohne zu vergessen, von welchem Gleiß unser Zug fährt. Da der Hauptbahnhof derzeit einen neuen Boden erhält, gab es auch noch eine riesige Baustelle im Gang zu den Gleißen, weshalb die Informationstafeln nicht so gut zu sehen waren und ich lief ziemlich Ziellos diesen Gang hinunter, bevor ich irgendwann feststellte, dass das Hannibaellchen mir schon mehrere Male zugerufen hatte. Mit ihr fand ich natürlich auch das richtige Gleiß, unser Zug war schon da, wir stiegen ein und erhielten einen Platz in Fahrtrichtung (bei Fahrten gegen die Fahrtrichtung wird mir sofort schlecht). Das Hannibaellchen war, um nicht zu übertreiben, ziemlich genervt von mir. Es war totmüde, weil auch ihre Nacht sehr unruhig war (wuhuuuu, sie ist auch hibbelig, hätte ich nicht geacht 🙂 ). Also saß sie da neben mir mit einem Energydrink und konnte kaum mit mir überdrehtem Noelana umgehen… Zum Glück war es eine recht schnelle Verbindung nach welcher wir bereits in zwei Stunden in München ankommen sollten. Nach der Hälfte der Fahrzeit mussten wir allerdings umsteigen. Im zweiten Zug bekamen wir sogar eine Vierersitzecke mit Tisch in der Mitte. Das wäre eigendlich die perfekte Voraussetzung gewesen, um ein meiner Masterarbeit weiterzuarbeiten, wie ich es vorgehabt hatte, aber in meinem Geisteszustand hätte ich höchstens geschafft die ganze Arbeit unwiederruflich zu löschen – keine gute Idee 😉 . Somit beschränkte ich mich auf das aus dem Fenster schauen und weiterhibbeln. Noch bevor der Zug losfuhr fragten zwei Damen, welche sich gerade eben im Zug von Nürnberg zum Umsteigebahnhof kennengelernt hatten, ob bei uns noch frei sei, was wir natürlich bejaten. Wir kamen ins Gespräch mit den Beiden. Das lässt sich wohl am Besten mit folgendem „Witzanfang“ erzählen:

„Treffen sich eine berentete Opernsängerin, eine Lehrerin mit multi-drogenkrankem Sohn und ein lesbisches Pärchen auf dem Weg zur Kinderwunschklinik im Zug…“

Ja, genau so war es nämlich! Wir führten ein sehr interessantes, teils lustiges teils trauriges Gespräch miteinander und das bewirkte etwas Tolles, nämlich, dass ich weniger aufgeregt war. Bis wir eine Stunde später in München ankamen, war meine Nevosität auf ein Normalmaß gesunken, was dem Eingriff bestimmt nicht schaden wird. Am Bahnhof angekommen trennten sich jedoch unsere Wege und das Hannibaellchen und ich suchten den Weg zur S-Bahn. Da wir schon einmal zur Praxis gefahren sind, fanden wir den Weg nun leichter und um 11:30 Uhr sind wir pünktlich angekommen (hatten den Termin im Vorfeld noch einmal eine halbe Stunde nach hinten verschoben, damit wir mit dem Bayern-Ticket ab 9:00 Uhr fahren konnten).

Dort rannte ich sofort zur Toilette und machte einen weiteren Ovulationstest – wider positiv – ein Glück! Nach sehr kurzem Waten im Wartezimmer wurden wir aufgerufen, diesmal von Herrn Bleichrodt persönlich. Er führte uns in sein Arbeitszimmer und meinte erst einmal, dass wir ja eventuell zu spät dran seien. Ich zeigte ihm den positiven Test und er war beruhigt. Wir wurden in das Praxiszimmer nebenan geführt und ich durfte mich unten herum frei machen (dieses Mal nicht in einer Kabine, wie so oft, sondern in einem schönen Bad mit Sitzgelegenheit, Toilette und Deko – sehr angenehm). Dann ging es auf den Stuhl. Die Warnung, das Follikel sei schwer zu finden, war vollkommen fehl am Platz, denn innerhalb kürzester Zeit war es auf dem Bildschirm zu sehen und seit dem Abend zuvor sogar noch ein bisschen gewachsen (1,9 cm x 1,9 cm). Für das nächste Mal erhielt ich den Tipp, den Ultraschall mit voller Blase machen zu lassen, da dann die Eierstöcke wohl grundsätzlich besser zu sehen seien. Herr Dr. Bleichrodt lobte die Schleimhaut, zeigte die perfekte Höhe des Zervixschleims und sagte die Worte, auf die ich die ganze Zeit hingehibbelt hatte: „Das sieht doch alles perfekt aus! Da können wir Inseminieren!“ Nachdem es unser erster Versuch war, durfte das Hannibaellchen den Arzt begleiten, als dieser das Röhrchen mit dem kostbaren Inhalt holte und es sogar zu mir zurückbringen. Sie fand die ganze Geschichte etwas lächerlich. So nach dem Motto: „Ich habe ein Stäbchen mit Sperma getragen!“ (abgeändertes Zitat aus einem Filmklassiker 😉 ). Ich fand die Geste eigendlich recht süß… anschließend zeigte er uns, wie er die Spende mit warmem Wasser vorsichtig im Röhrchen auftaute, dieses anschließend öffnete und in eine Spritze füllte. Der letzte kleine Tropfen landete dabei auf dem Microskop, damit wir die Aufwachphase der kleinen halben Hummelches selbst mitverfolgen konnten. Ich war wirklich erleichtert, als ich sah, dass das Zeug wirklich durchsichtig und flüssig wie Wasser ist und nicht so weißlich, wie im „Naturzustand“. Anschließend öffnete er meine Vagina mit einer Klammer, so dass man bis zu meinem Muttermund gucken konnte und zoomte mit einer Kamera direkt dort hinein, was ich etwas komisch fand, aber alle Male auch interessant. Man merkte Herrn Dr. Bleichrodt stark an, wie routiniert er vorging und dass er diesen Eingriff vermutlich mehrmals wöchentlich durchführt. Anschließend spritzte er mir die Flüssigkeit zwischen die Beine und setzte mir die bereits erwähnte Inseminationskappe auf. Nicht ohne vorher „die Größere“ aus dem Schrank nehmen zu müssen, weil die Normale wohl zu klein gewesen wäre, was immer das heißt 😀 Nachdem er bemerkt hatte, dass diese wie ein Saugnapf fest um meinen Muttermund darum herum saß, meinte er, dass sie nicht mit einem Tampon fixiert werden müsse. Ich sollte sie ab sofort 10 Stunden tragen und das Hannibaellchen sie anschließend an der Schnur, wie einen Tampon herausziehen. Falls der Unterdruck zu stark sei, müsse sie mit dem Finger die Kappe etwas anheben, damit sie sich mit Luft füllen, bevor sie sie herausziehen könne. Wir nickten die Erklärung brav ab und versicherten auch, dass wir darüber aufgeklärt wurden, wie sinnvoll ein Orgasmus für die Spermawanderung sei. Anschließend erfuhr ich, dass ich noch eine Spritze erhalten sollte, welche meine Gelbkörperphase unterstützt. Mit diesen Worten wurden wir zur Arzthelferin entlassen. Nach kurzer Wartezeit im „Blutabnahmeraum“ musste ich mich untenherum schon wieder entkleiden, denn das Medikament wird in den Po gespritzt. Um was es sich genau handelt, kann ich jetzt im Nachhinein garnicht mehr sagen. Der Arzt erklärte es zwar, aber ich war zu aufgeregt, um die Info wirklich abzuspeichern. Da das Hannibaellchen wusste, wie groß meine Angst vor Spritzen jeder Art ist, küsste sie mich während des Picks und ich muss sagen, ich merkte überhaupt nichts. Damit war unser Besuch in der Müncher Praxis endgültig vorbei. Wir sollten uns melden, sobald wir wüssten, ob ich schwanger sei, oder meine Menstruation bekommen habe, um anschließend das weitere Vorgehen klären zu können.

Eine halbe Stunde später standen wir wieder am Gleiß der S-Bahn auf dem Weg zurück in unsere Stadt. Fun fact dabei: Ich weiß nicht, ob ihr die doch recht bedenklichen Werbungen eines großen Smoothie-Herstellers schon einmal gesehen habt? Diese machen Werbung für einen neuen Smoothie mit Chia-Samen, was mit Plakaten wie „Bei Samenstau schütteln“ oder „Spendersamen“ geschieht. An der Haltestelle unserer S-Bahn war auch eine solche Werbung zu finden, allerdings eine, die ich noch nicht kannte. Gleich fünf der sechs großen Anschlagtafeln zeigten die Aufschrift: „Besamt und befruchtet“. Nun, ich nehme das einfach als positives Zeichen 😉 Ein Bild der Werbung möchte ich hier allerdings nicht einstellen, schließlich finde ich die Marke nicht besonders gut und die Werbung wie gesagt eher bedenklich.

In München am Hauptbahnhof mussten wir noch eine halbe Stunde auf den nächsten Zug warten, dafür sollte dieser direkt unsere Stadt anfahren und sogar nur 1 3/4 Stunden dafür brauchen. Wir erhielten auch hier wieder einen Sitzplatz und das Hannibaellchen döste innerhalb kürzester Zeit ein. Auch die beiden Frauen, welche sich neben uns setzten (erneut ein Viererplatz) waren nicht gesprächig und so versuchte ich nun tatsächlich an meiner Masterarbeit zu arbeiten, woran ich aufgrund fehlenden Internets kolossal scheiterte. Notebook also weggepackt und weitergelangweilt. Irgendwann auf halber Strecke – die beiden Damen waren bereits ausgestiegen – setzte sich eine sehr alte (75+), aber noch vollkommen fitte Frau zu uns. Sie berichtete, dass sie auf dem Weg nach Mainz sei, da sie dort früher gelebt habe und ihr noch immer eine Wohnung gehöre, obwohl sie eigendlich inzwischen bei ihren Kindern wohne. Sie sei heut Abend auf eine Geburtstagsparty eingeladen und habe sich deshalb schon schick gemacht. Wir kamen ins Gespräch und irgendwann erfuhr die gute Frau auch unseren Grund, warum wir von München aus mit dem Zug unterwegs waren. Sie freute sich für uns uns erzählte von ihrem schwulen Enkel. Darauf sagte ich zu ihr, dass sie vielleicht dennoch Ur-Enkel zu erwarten habe. Daraufhin lachte die alte Dame und meinte nur: „Wissen Sie. Ich habe so viele Kinder und Enkel. So ein Kontakthalten ist schwierig, wenn man weiter auseinander wohnt. Da halte ich mich doch lieber an Partys!“ Nun, was muss ich dazu noch sagen… einfach eine coole Frau 😀 In unserer Stadt angekommen halfen wir dieser noch kurz beim Umsteigen, dann ging es für uns endgültig Richtung zuhause, nicht ohne im Bahnhof etwas zu Essen mitzunehmen – selbst kochen wäre undenkbar gewesen.

Dort angekommen kuschelten wir uns nach Anweisung unseres Arztes nach dem Essen ins Bett. Wir hatten nicht wirklich Sex, aber einen schönen Höhepunkt gabs trotzdem und das ist ja die Hauptsache 😉 . Außerdem war uns beiden in dieser seltsamen Situation doch eher nach Kuscheln zu Mute… Schon am Tag vorher hatten Freund_innen angefragt, ob wir Lust hätten mit ihnen am Abend noch schwimmen zu gehen. Ich wollte zwar mit dieser Kappe zwischen den Beinen nicht ins Wasser gehen und das Hanniabellchen hat ihre Tage, aber da wir die Freund_innen schon länger nicht mehr gesehen hatten, gingen wir trotzdem gerne mit. Wir hatten einen wunderschönen Abend, der sich irgendwann auf die Wohnung des befreundeten Pärchens, selbstgemachte Pizza und lästern über das „Jenke-Experiment“ mit den Drogen verlegte.

Erst gegen 12:00 Uhr waren wir wieder zuhause in unserem Bett. Das Hannibaellchen versuchte mir nun (12 Stunden später also) die Inseminationskappe zu entfernen und das ist wahrlich schwieriger als gedacht. Sie musste schon sehr tief stochern, sehr lange ziehen und sehr viel Luft in die Kappe lassen, bevor sie sich löste. Sie war umgeben von weißlichem Schleim, der aber wohl eher von mir stammt, als vom Sperma (das war schließlich durchsichtig) und natürlich schaffte ich es erst Mal die paar Tropfen Inhalt auf der Bettseite des Hannibaellchens zu verschütten. Sie wusch nach Anleitung von Herrn Dr. Bleichrodt die Kappe anschließend mit kaltem Wasser aus und verstaute sie für den hoffentlich nicht benötigten zweiten Versuch. Die Kappe kostet schließlich 40 Euro, da will man keine Zweite kaufen müssen, weil man die erste versehentlich falsch behandelt hat…

Wir schliefen erschöpft ein und nun ist es nächster Morgen und ich liege hier neben dem schlafenden Hannibaellchen und schreibe diesen Eintrag. Inzwischen gibt es eigendlich nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder ein Spermium hat die Eihülle durchbrochen und ich habe eine Chance auf eine Schwangerschaft, oder aber kein Spermium hat es geschafft und ich werde in diesem Zyklus nicht schwanger. Mit anderen Worten hat sich jetzt bereits entschieden, ob es noch Sinn macht zu hoffen, oder nicht. Erfahren werde ich es aber erst viel später… Sollte es ein Spermium durch die Eihülle geschafft haben, wird dieses sich nun mit der Eizelle verbinden und sich anschließend teilen. Schon an Tag zwei gibt es dann zwei, an Tag drei vier und an Tag vier acht Zellen Hummelchen – wenn alles gut geht. An Tag 8 ca. ist dann die Einnistung der Eizelle in der Gebärmutter, was erneut ein kritischer Moment sein wird, denn zu diesem Zeitpunkt wird die Eizelle aussortiert, sollte sie schadhaft sein… Nun ist es also so weit, wir müssen warten, warten, warten und können nichts tun. Ich habe beschlossen zu „orakeln“, das heißt mit Hilfe von Ovulationstests und Frühschwangerschaftstest zu experimentieren, ob ich schwanger bin oder nicht. Dabei gibt es mehrere Dinge zu beachten. Einerseits sind je früher man mit dem Orakeln beginnt negative Ergebnisse trotz Schwangerschaft nicht ungewöhnlich, auch erst positive und dann negative Ergebnisse sind wahrscheinlich (wenn es zwar zur Befruchtung kam, aber dann etwas schief lief). Orakeln ist etwas für die Ungeduldigen, die etwas tun wollen, die nicht nur warten können und genau zu denen gehöre ich leider… Natürlich werde ich euch informieren, was mein Orakel spricht und wer weiß… noch sind alle Karten offen!

Mit diesen Worten verabschiede ich mich von einem langen Bericht und versuche einmal wieder wirklich an meiner Masterarbeit weiterzuarbeiten…

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