So nun hat Noelana mich doch tatsächlich noch bequatscht bekommen, auch einen Artikel für den Blog hier zu schreiben. Inhalt ist – wie bereits an anderer Stelle versprochen – unser Urlaub in Hamburg.

„Urlaub“ – das klingt nach Erholung, gemütlichen Besichtigungen von irgendwelchen Sehenswürdigkeiten (und den obligatorischen Fotos davon, damit man auch beweisen kann, dass man wirklich da war) und dem neugierigen herumstöbern in einer Umgebung, in der man mal nicht jede U-Bahnhof-Fliese mit Vornamen kennt. Also alles in allem wohl eher eine entspannte Angelegenheit… wenn… ja wenn zu dem schönen Wort „Urlaub“ in unserem Fall nicht auch noch das Wort „Schwiegereltern“ dazu käme.

„Schwiegereltern“ – das ist nun ein Wort, welches gemeinhin eher negativ besetzt ist. Dabei ist das hier grundsätzlich gar nicht so der Fall. Noelanas Eltern – die uns immerhin zu dem ganzen Trip eingeladen haben – sind eigentlich ganz nette Leute. Sie sind immer hilfsbereit und verlässlich und zu mir auch überraschend freundlich, wenn man ihre Vorgeschichte mit dem Coming-Out ihrer Tochter (von dem sie bestimmt irgendwann auch noch hier erzählen wird, wenn Interesse besteht) bedenkt. Ein paar Probleme gibt es mit den Beiden jedoch trotzdem. Zum einen haben sie eine fundamental andere Auffassung von „Freizeit“, als wir. Während der Samstagmorgen für mich so ungefähr um 14 Uhr beginnt, ist für Noelanas Eltern 8:30 Uhr bereits „ganz lang ausschlafen“. Wie man sich denken kann macht diese Eigenschaft aus einem „Urlaub“ eher eine „Tour de Force“. Nun ja – hier könnte man immerhin noch argumentieren, dass man so wenigstens sicher geht, dass man die meisten Sehenswürdigkeiten für sein Geld kriegt. Nein, das größte Problem mit meinen Schwiegereltern ist ein Anderes…

Sie kommen aus einem winzigen, erzkatholischen, bayerischen Dorf und ihr geistiger und sozialer Horizont hat in etwa die Größe eines gespaltenen Plutoniumteilchens (und ist auch ungefähr genau so gesund für ihr Umfeld…). Diese Tatsache ist es auch, die mich in den vier Tagen in Hamburg mehrfach dazu veranlasst hat, über den Begriff „Kulturschock“ nachzudenken. Ja, Hamburg war zum einen ein Kulturschock für mich. Nicht weil mich die Sehenswürdigkeiten oder die Architektur so großartig beeindruckt hätten. Kirchen und Häfen gibt es öfter auf der Welt und sie sehen alle mehr oder weniger gleich aus. Was mich an Hamburg so aus der Fassung gebracht hat, war das Lebensgefühl, dass mir vom ersten Tag an entgegenschlug.

Hier muss ich wohl zum Verständnis noch einen kurzen Exkurs machen. Es ist nämlich so: Ich stamme gebürtig aus dem schönen Frankenland und auch Noelana lebt mittlerweile lange genug hier, um sich recht gut angepasst zu haben. Das „Land“ ist in Franken auch tatsächlich schön. Über den Rest lässt sich leider eher streiten. Ganz besonders über die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen. Um es kurz zu sagen: Wenn man in der Fußgängerzone umgerannt wird, dann kriegt man im besten Fall ein lautes Schnauben durch die Nase und unverständliches Gemurmel zu hören. Im schlechtesten Fall wird man recht unwirsch angepflaumt, warum man es denn zum Teufel nochmal gewagt hat, hier im Weg rumzustehen. Böse Zungen behaupten auch, wenn man hier in einem Lokal echte fränkische Spezialitäten angeboten bekommt und die Kellner_innen machen nicht den Eindruck, als hätte man ihnen gerade den gesamten Jahresurlaub ersatzlos gestrichen und der Betriebsarzt hätte ihnen allen eine Wurzelbehandlung stattdessen verordnet, dann sollte man das Restaurant wieder verlassen, denn dann arbeiten dort keine echten Frank_innen…

Vor diesem Hintergrund bringt es mich oft schon ist staunen, wenn mich jemand nicht wüst beschimpft, wenn ich ihm/ihr den Weg zur U-Bahn versperre. Umso erstaunlicher war es für mich, festzustellen, dass die Menschen in Hamburg mich nicht beschimpften, als ich nach 5 Stunden Zugfahrt endlich mit Rucksack und Koffer bepackt den Bahnsteig in Sankt Pauli blockierte. Alles was ich zu hören bekam war ein fröhliches „Macht nix!“, serviert mit einem ehrlichen lächeln…

Nicht die Bauten, sondern die Menschen also haben mich tief beeindruckt und ich habe mich noch nie in einer mir völlig unbekannten Stadt auf Anhieb so… zuhause gefühlt. Noelana ging es übrigens ähnlich (bereits am ersten Abend sahen wir uns an und meinten: „Hier müsste man hinziehen!“). Ihren Eltern wohl allerdings eher nicht so. Auch die hatten wohl gehörig unter einem Kulturschock zu leiden. Unser Hotel befand sich mitten in Sankt Pauli, keine 5 Minuten von der Reeperbahn entfernt und bereits auf dem Weg dorthin zeigten sich die Beiden sehr fasziniert von Hamburg und seinen Bewohner_innen – aber dazu gleich mehr. Nachdem wir unser Gepäck verstaut hatten, ging es zunächst auf zu einem ersten Orientierungsspaziergang in Richtung Landungsbrücken und der Besichtigung des Michels, Hamburgs bekanntester Kirche.

dsc08386(Henni besichtigt die Landungsbrücken)

 

 

 

 

 

Anschließend ging es wieder zurück zum Hotel für eine kleine Pause und danach ein kleiner Spaziergang an die Alster, um dort irgendwo gemeinsam zu Abend zu essen. Das heißt: So war zumindest der Plan. Die Realität stellte sich etwas weniger nett dar. Der Grund dafür? Der oben erwähnte kleine Horizont meiner Schwiegereltern. Dazu zählt beispielsweise auch, dass sie es schlicht und ergreifend nicht schaffen, darüber nachzudenken, dass jemand anders denken, empfinden oder handeln könnte, als sie selbst. Bei dem ersten Spaziergang am Nachmittag haben die beiden nämlich eine kleine Brotzeit mitgenommen, für alle. Bestehend aus mittlerweile trockenen Brötchen vom Frühstück und – und das ist der Knackpunkt – Dauerwurst und Knoblauchsalami. Das Problem dabei ist, dass Noelana seit ewigen Zeiten Vegetarierin ist und selbst davor Wurst in jeglicher Form noch nie ausstehen konnte. Ihr wird schon von dem Geruch übel. Ich bin da zum Glück nicht so empfindlich, allerdings kann man auch mich mit Knoblauch-Cabanossi nicht wirklich locken. Die Brotzeitalternative für uns bestand also aus trockenen Brötchen ohne alles, was wir dankend ablehnten. Wir beschlossen, dass wir auch bis zum Abendessen warten konnten. Nach der mehrfachen Versicherung von Schwiegerpapi, dass es an der Alster ja sooo viele Biergärten gäbe und wir dann nur ganz kurz spazieren gehen und dann dort was essen konnten, war die Sache also für uns klar. Dumm nur, dass der kurze Spaziergang zu einem dreistündigen Marsch ausartete, weil es anscheinend an der Alster wohl doch nicht sooo viele Biergärten gibt und ich beim besten Willen nicht nach Hamburg fahre, um in einem Bayerischen Hofbräuhaus zu essen (Kein Witz, dass war ein ehrlicher Vorschlag!). Lieber verhungere ich. Das Ende vom Lied war also, dass wir mit bereits auf den Knien hängendem Magen letztendlich in einem Burger-Restaurant essen waren, in dem es einen Veggieburger aus Pilzen gab… Naja, immerhin gings danach noch auf ein Volksfest und anschließend gabs noch ein Feuerwerk. Also war der Abend doch noch ganz nett. Für Henni war es allerdings zu spät an diesem Tag. Kleine Hühner müssen früh schlafen. So gibt es allerdings keine Bilder vom ersten Abend in Hamburg!

Am nächsten Tag ging es dann recht früh aus den Federn, bei Nieselregen den alten Elbtunnel besichtigen und anschließend eine Runde mit der Fähre im zwischen Hafen und Elbstrand herumschippern.

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(Henni natürlich immer mittendrin)

 

 

Nachmittags ging es dann noch ins Zollmuesum, in welchem das wohl sinnvollste Ausstellungsstück ever zur Schau gestellt wurde:

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(Henni betrachtet ein Stück Kunstrasen)

 

 

 

 

 

Anschließend zurück zum Hotel, wo sich Gott sei Dank die Wege von Familie und Noelana und mir trennten. Wir hatten beschlossen, die Reeperbahn getrennt zu erkunden. Zum einen, weil wir unbedingt in Olivia Jones Show-Club wollten, womit meine Schwiegerleute wohl eher wenig anfangen können. Zum anderen weil ich meiner Angetrauten bereits angedroht hatte, sie zur Waisen zu machen, wenn ich an diesem Tag noch einmal dabei sein muss, wenn ihre Eltern in einem Lokal mit Jacken Plätze reservieren wie Rentner Strandliegen in Mallorca oder in voller Lautstärke irgendwelche dunkelhäutigen Menschen als „Neger“ bezeichnen. Ich schwöre, das ist nicht ausgedacht oder übertrieben. Dieser Tag hat mich über eine weitere Bedeutung des Wortes „Kulturschock“ nachdenken lassen: Mein Schock vor deren „Kultur“.

So kam es jedenfalls, dass meine Liebste und ich in einem kleinen Restaurant an der großen Freiheit etwas zu Abend aßen und uns anschließend die besten Plätze in Olivia Jones Club sicherten. Ich muss sagen, eine bessere Entscheidung hätten wir nicht treffen können. Die shows waren super und wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich irgendwann in meinem Leben mal einen halben Meter neben Lilo Wanders sitzen würde, hätte ich ihn wohl für bekloppt erklärt. Auch die Burlesqueshow und die Gesangseinlagen zählen definitiv zu meinen Highlights der Reise. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass wir beide bis etwa halb zwei Uhr morgens dort versumpft sind.

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(Henni auch heute wieder zu dieser Uhrzeit brav im Bett)

 

Der nächste Morgen wurde von uns beiden dementsprechend enthusiastisch begrüßt. Ich glaube ich habe mein Handy sehr kreativ beschimpft, als es mich um – ihr ahnt es – 8:30 Uhr weckte, damit die Familie auch ja rechtzeitig das Miniaturwunderland besichtigen konnte. Das Wunderland ist echt sehenswert und faszinierend. All die kleinen Details können einen wirklich plätten. Das können Schlafentzug und schmerzende Füße allerdings auch. Daher waren die zahlreichen Bänke und Polster im inneren des Museums für Noelana und mich wohl ebenfalls sehr interessant.

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(Henni hier zu sehen als Riesenhuhn im Kolosseum und beim Spielen im ersten Schnee ihres Lebens)

Vor allem, weil es noch eine kurze Erholungsphase vor einem Bummel durch Hamburgs Speicherstadt bot. Immerhin gab es am Ende des diesmaligen Marsches noch einen Besuch in einem Teemuseum inklusive Teeverkostung und Gratisproben zum Mitnehmen.

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(Henni probiert den Früchtetee „Herbsttraum“)

 

 

 

 

 

Dann war es auch schon wieder Zeit, zum Hotel zurück zu fahren, denn schließlich hatten wir für den Abend noch Musicaltickets – der eigentliche Grund, weswegen wir überhaupt in die Hansestadt gekommen waren. Also zurück ins Zimmer und Klamotten wechseln und das ganze auch noch ein wenig hektischer als geplant, weil Schwiegerpapi zwischenzeitlich feststellte, dass die Vorstellung doch eine halbe Stunde früher losging, als gedacht. Geschafft haben wir es trotzdem und fanden uns pünktlich an der Landungsbrücke des „König der Löwen“-Shuttlebootes ein. Nun muss an dieser Stelle erklärt werden, dass Noelana und ich ziemliche Musical-Fans sind. Okay. Noelana ist ein Fan, ich bin ein absoluter Junkie. Unser Lieblingsstück ist der Tanz der Vampire, der im Oktober endlich wieder in Fahrweite für uns kommt, aber auch andere Musicals interessieren uns sehr. Darum waren wir beide sehr gespannt auf die Vorstellung.

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Unser Fazit: Auch wenn es nichts ist, was wir uns ein zweites mal ansehen müssten, ist der König der Löwen durchaus sehenswert. Vor allem die komplizierten Kostüme und Puppen lassen einen staunen. Wer allerdings sensibel auf den Themenbereich kultureller Aneignung reagiert, wird hieran leider nicht viele gute Haare lassen können. Wir hatten im Anschluss an das Musical hierzu eine längere Diskussion, so dass auch unsere letzte Nacht in Hamburg eher kurz ausfiel.

Zum Glück war für den nächste Morgen nicht all zu viel geplant. Unser Zug zurück in die Heimat ging erst um 16 Uhr, also blieb am Vormittag noch genug Zeit für die Besichtigung eines Museumsschiffes.

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(Henni natürlich immer Forne mit dabei)

Anschließend folgte das Wiedereinpacken der ganzen Klamotten, Utensilien und Souvenirs. Und schneller als uns beiden lieb war, saßen wir auch schon wieder im ICE nach Hause.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es für mich ein so wehmütiger Abschied werden würde. Hamburg hat mich wie bereits erwähnt tief beeindruckt und ich nehme viele tolle Erinnerungen mit. Das beste Mitbringsel für mich ist jedoch die Erfahrung, dass die Menschen nicht überall so Miesepetrig und Engstirnig sind wie bei mir zuhause und – in Gedanken an meine Schwiegereltern – dass es eben immer auch noch schlimmer geht. Ich hoffe, dass ich mir das mal wieder in Erinnerung rufen kann, wenn ich die Schnauze voll habe von den Leuten hier und vielleicht kann ich selbst ja auch etwas dazu beitragen, dass mein Umfeld ein bisschen mehr wird wie diese tolle Stadt…

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